Das Dilemma autonomer Identifikation

Das Gebäude ist besetzt.

Das erste Plenum beginnt; Strukturen, Konzepte, Identitäten sind nicht vorhanden, sie sollen sich jetzt finden. Wie soll der Protest aussehen, basisdemokratisch oder nach Mehrheitsbeschlüssen konsolidiert, moderat oder radikal, ist es eine Besetzung oder ein vorübergehendes Bleiben? Alles eine Frage der Einstellungen, Ideologien, Bereitschaften und wahrscheinlich am Ende der bereits vorhandenen Lager.

Inhalte und Aktionsformen sollen diskutiert werden, doch die Skepsis zueinander bestimmt diese ersten Stunden. „Linker Hahnenkampf ist Urscheisse“ steht nun plötzlich an der Tafel und verschwindet ebenso eilig wieder. Die Ablehnung der lokalen Presse, welche unter einem Ultimatum zur Stellungnahme auffordert, entzündet bereits den alten Widerspruch in linken Protestformen.

Man müsse auf die Öffentlichkeit zugehen, Presse müsse gefüttert werden, sonst werde man in einem schlechten Licht dargestellt, sagen die Einen.

Man dürfe nicht mit dem System kooperieren, welches man bekämpft, sagen die Anderen.

Zur eigentlichen voraussehbaren Konfrontation kommt es so nicht einmal. Die Konfliktlinie zwischen den tendenziell radikaleren Aktionisten und den moderaten Streikenden. Der Protest plätschert folgend vor sich hin, findet weder Identität noch Zugkraft und wird ein weiteres Mal ohne Nachhaltigkeit verschwinden.

Wie so oft zeigt sich an diesem Beispiel die Unvereinbarkeit innerhalb linker Strukturen.
So ergibt sich eine Konfliktlinie zum Thema Gewaltbereitschaft in fast allen Themen linker Proteste. Die Autonome Bewegung sieht Gewalt als notwendiges Mittel, was im Sinne von Kontraproduktivität von anderen Aktivisten abgelehnt wird und schließlich zu einer Ablehnung und Spaltung untereinander spätestens bei Aktionen selbst führt.
Da hat es die Autonome Bewegung schwer, welche Themen schreiben sie sich und werden ihnen denn schon auf die Fahnen geschrieben, der Antifaschismus und früher sicherlich noch die Hausbesetzungen. Hauptsächlich allerdings wird ihnen immer wieder sinnloser Krawalltourismus vorgeworfen.
Dabei ist es doch klar, dass bei Zurückweisung des herrschaftlichen Anspruchs des staatlichen Gewaltmonopols, die Militanz auch ein identifikatorisches Kernstück für die Autonome Bewegung darstellt. Dies soll keine Legitimation eines Selbstzweckes von Gewalt sein, soll aber neben der emotionalen Reaktion auf staatliche Repressivität, den Kontext von Gewalt als autonomes Mittel einordnen. So ist die Solidarität und inhaltliche Übereinstimmung mit linken Protesten (ob nun Ökologie Anti- AKW, -Globalisierung, -Kapitalismus oder Gentrifizierung) von autonomer Seite meist gegeben, wird dann aber des Öfteren gar nicht gewünscht.

Was zu der Frage führt, ob andere Bewegungen einen alleinigen Anspruch auf die jeweiligen Proteste haben? Es gibt auf jeden Fall Beispiele, wie die Blockaden des G-8 in Heiligendamm oder auch die Castor – Transporte, bei denen alle Bewegungen, einschließlich der Autonomen, an einem Strang ziehen konnten.
Schlussendlich werden sich zwar an der Gewaltfrage immer wieder die Gemüter erhitzen, doch sollten beide Seiten versuchen Kompromissbereitschaft aufzubringen und ihre Kräfte für den einzelnen Zweck zu bündeln und nicht aufgrund von Klischees Ausschlussprinzipien verfolgen, die die Ziele am Ende weiter in die Ferne rücken lassen.


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