Archiv für September 2010

Sari Nusseibeh im Interview mit der TAZ

Sari Nusseibeh ist ein palästinensischer Vertreter der Zwei-Staatenlösung und Präsident der einzig arabischen Universität (Al-Quds) in Jerusalem. In seiner Auto-Biographie „Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina.“ erzählt er über seine Kindheit, sein Studium in westlichen Bildungsinstitutionen und wie er später eher ungewollt ein Teil des palästinensischen Widerstandes wurde. Nusseibeh versucht dabei in seinen Ansichten immer differenziert zu bleiben und präferiert(e) stets gewaltlose Möglichkeiten.

Im Interview mit der TAZ nimmt Nusseibeh auf die aktuelle Situation Bezug:

taz: Herr Nusseibeh, die Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern stehen mal wieder auf der Kippe. Sehen Sie auf israelischer Seite überhaupt noch einen Partner für den Frieden?

Sari Nusseibeh: Sie werden überrascht sein. Aber ich glaube, dass es auf beiden Seiten eine grundsätzliche Bereitschaft zum Frieden gibt – allen Extremisten zum Trotz.

Manche hofften, eine rechte Regierung wäre eher in der Lage, schmerzhafte Kompromisse zu schließen. Danach sieht es im Moment aber nicht aus.

Nein, das stimmt. Israels Außenminister Lieberman hat vorgeschlagen, Gaza an Ägypten zu geben und Teile der Westbank nach Jordanien. Aber das sind nur Versuche, vor der Realität zu flüchten. Diese Realität ist, dass sich Juden und Araber um das gleiche Stück Land streiten. Entweder teilen sie es unter sich auf – das läuft auf eine Zweistaatenlösung hinaus –, oder sie teilen sich die politischen Rechte in einem gemeinsamen Staat. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten.

So zersiedelt, wie das Westjordanland heute ist: Läge ein gemeinsamer Staat nicht näher?

Im Moment möchten die Leute lieber getrennte Wege gehen. Aber ich glaube, dass sich das durchaus ändern kann – weil es auf beiden Seiten die Bereitschaft gibt, auch in einem gemeinsamen Land zu leben.

Die jüdischen Siedler hätten sicher gern das ganze Land, aber ohne Palästinenser …

Na klar. Und viele Palästinenser hätten auch gern das ganze Land, nur ohne Juden.

[…]

Warum gibt es keinen palästinensischen Ghandi oder Martin Luther King?

Gewaltlosigkeit war immer ein Teil des palästinensischen Widerstands und hat eine lange Tradition, die bis in die Zwanzigerjahre zurückgeht. Aber neben diesem zivilen Widerstand haben Palästinenser immer auch zu den Waffen gegriffen. Das hat den gewaltfreien Widerstand geschwächt. Denn gewaltfreier Widerstand muss exklusiv sein: Man kann nicht in der einen Hand eine weiße Fahne schwenken und mit der anderen Hand zur Waffe greifen.

Weshalb hat sich das Prinzip der Gewaltlosigkeit nie richtig durchgesetzt?

Gewaltlosigkeit funktioniert nicht in jeder Situation. Der berühmte dreijährige Streik in den Zwanzigerjahren etwa war ein Desaster. In der ersten Intifada dagegen ging diese Strategie auf. Erstens, weil es ein klares Ziel gab: einen eigenen Staat und Unabhängigkeit von Israel. Und zweitens herrschten die Israelis direkt über uns: Wir zahlten ihnen Steuern und arbeiteten für sie, sie stellten uns Genehmigungen aus.

Heute ist die Situation eine andere: Wir zahlen unsere Steuern an die Palästinensische Autonomiebehörde, die Israelis herrschen nur noch indirekt über uns. Früher musste man sich nur weigern, seine Steuern zu zahlen oder der Zivilverwaltung zu dienen. Aber als die Palästinenser im Jahr 2000 gegen Israel demonstrieren wollten, mussten sie aus Ramallah rausgehen bis an die Straßensperren, wo sie mit den israelischen Soldaten zusammenstießen.

, das vollständige Interview hier, ein weiteres (m.M.n. interessanteres) Interview (11.05.2008) mit dem Tagesspiegel zum Thema gewaltloser Widerstand und „menschlicher Magie“ hier.

Welche Bedeutung kann dem Entlassungsdekret Luschkows zukommen?

Jurij Luschkow, seit 18 Jahren Bürgermeister Moskaus und sukzessiv als einer der mächtigsten Männer Russlands verstanden, muss sein Amt räumen.

Präsident Medwedew hat den aktuell als drittmächtigste Person geltenden Luschkow per Entlassungsdekret mit Begründung eines „Mangels an Vertrauen“ seines Amtes enthoben.

Wie ist dieser Schritt Medwedews nun zu interpretieren?

Einheitlich ist die Meinung der westlichen Medien, dass Luschkow zwar als eine Vertrauensperson Putins galt, die Amtsenthebung allerdings nur mit Putins Einverständnis vollzogen werde konnte. Ist dies als ein weiterer Schritt in Richtung Emanzipierung des russischen Präsidenten gegenüber seines Premiers zu werten? Wird das doch so gern gewünschte Marionetten – Prinzip der russischen Obrigkeit dadurch weiter untergraben oder hält Putin doch weiterhin alle Fäden in der Hand?

Yurij Luschkow ist ein Politiker alter russischer Schule, er gelangte bereits in der Jelzin – Zeit in sein Amt. Als einer von wenigen überdauerte er Putins Zeit der Machtkonsolidierung und erhielt seinen zuvor erlangten Status Quo. So ist sicherlich davon auszugehen, dass ein wie auch immer geartetes Verhältnis zwischen Luschkow und Putin existiert haben muss.

Steht Luschkow für eine korrupte Politik bestehend aus einer Mischung von Vetternwirtschaft und enormer Autorität, muss seine Amtsenthebung auch in einem solchen Kontext diskutiert werden. So sind auch die Proteste gegen ein von Luschkow entworfenes Autobahnprojekt auf offene Ohren beim russischen Präsidenten getroffen.

Folgt man den Gedanken Surkows „Souveräner Demokratie“, ist ein angestrebter Wechsel des autoritären, repressiven Kurses hin zu einem demokratisch, zivilgesellschaftlichen Kurs in der Amtsenthebung des Moskauer Oberbürgermeister wiederzufinden. Sollte es auch Luschkow gewesen sein, der die repressive Art des Protestumganges forciert hat, weist Medwedews handeln auf genau eine solche Kurskorrektur hin. Weiterhin heisst es, dass Luschkow sich gegen die Modernisierung, ein zentrales Element im Konzept der „Souveränen Demokratie“, gestellt habe.

Luschkow stellt also im Sinne einer notwendigen und vielleicht auch gewollten Kurskorrektur eine Persona non grata für den neuen russischen Weg da. Da dieser Weg bereits in der zweiten Amtszeit Putin angestrebt wurde (Modernisierung ist kein von Medwedew erfundenes Projekt), ist die erneute Interpretation der westlichen Medien bezüglich des Machtverhältnisses zwischen Putin und Medwedew zweit, wenn nicht sogar drittrangig, denn die Zukunftsvorstellungen beider sind als nicht allzu verschieden anzusehen und überschneiden sich in den Ansichten, welche sie mit Wladislaw Surkow teilen. So werden sich beide einig gewesen sein, dass die zukünftige Politik Russlands besser ohne Jurij Luschkow funktionieren wird.

Fernsehen ist das neue Kino

Betrachtet man die Produktionskosten als quasi objektiven Maßstab hinsichtlich der Qualität des Fernsehens, fällt auf, dass in verschiedenste Serien enorm investiert wurde. Als Beispiele sind hier „Band of Brothers“ oder der Pilot von „Boardwalk Empire“ zu nennen.

Dabei ist es logisch; Serienformate (insbesondere die 50 – 60 min. Formate) können Charaktere über längere Zeite, also ganze Staffeln entwickeln. Seit das Fernsehen den roten Faden für sich entdeckt hat, damit vom abgeschlossenen Episodenformat abgerückt ist, scheinen die Möglichkeiten schier unbegrenzt.

Leider zu sehr auf dem Fokus des Kinos wird in einem New York Times Artikel diese Thematik aufgegriffen;

The salient question is this: Will any of the movies surfacing this fall provoke the kind of conversation that television series routinely do, breaking beyond niches into something larger? This bad summer movie season, in what seems to be one of the best television years ever, reinforces a suspicion that has been brewing for some time. Television, a business with its own troubles, is nonetheless able to inspire loyal devotion among viewers, to sustain virtual water-cooler rehashes on dozens of Web sites and to hold a fun-house mirror up to reality as movies rarely do.

Look back over the past decade. How many films have approached the moral complexity and sociological density of “The Sopranos” or “The Wire”? Engaged recent American history with the verve and insight of “Mad Men”? Turned indeterminacy and ambiguity into high entertainment with the conviction of “Lost”? Addressed modern families with the sharp humor and sly warmth of “Modern Family”? Look at “Glee,” and then try to think of any big-screen teen comedy or musical — or, for that matter, movie set in Ohio — that manages to be so madly satirical with so little mean-spiritedness.

Den ganzen Artikel gibt es hier.

Deutsche Abschiebe – Heuchelei

In Frankreich lässt die französische Regierung Lager von Roma räumen bzw. auflösen und will diese dann auch abschieben. Es handelt sich dabei um 700 Roma, welche aus den über 40 aufgelösten Lagern stammen, sie sollen nach Rumänien abgeschoben werden.

Sarkozy schaffte nun vor kurzem auch in Deutschland eine Öffentlichkeit, da er Frau Merkel mit demselben Vorhaben, nämlich Roma – Lager in Deutschland räumen zu wollen, zitierte. Dies wird grundlegend dementiert, in Deutschland gibt es keine Roma Lager und Massenabschiebungen sind auch nicht vorgesehen. In Deutschland werde gemäß von Einzelprüfungen abgeschoben, so Westerwelle.

Zeit sich die Situation von Roma in Deutschland genauer anzusehen. Man spricht in Deutschland nicht von Lagern. Im Sinne von illegal errichteten Lagern wie in Frankreich mag dies richtig sein, allerdings wird in diesem Kontext zu Recht auf Flüchtlingsheime o.ä. „Institutionen“ verwiesen. Diese „Gemeinschaftsunterkünfte“ erfüllen jedoch etwaige Determinanten, welche sie mit Lagern aus Frankreich durchaus vergleichbar machen.
Sie werden ausschließlich von Roma bewohnt, in diesen Wohnungen, wie z.B. im Rosenwinkel Göttingens, fehlt z.T. fließend Wasser, die Perspektivlosigkeit potentiert sich durch eine Abgrenzung nach und von außen, sowie von innen.
Es entsteht Ghettoisierung, den betroffenen Roma wird ihre Sondersituation in Deutschland anhand ihres Alltages dauerhaft präsent gemacht.

Natürlich wird in Deutschland vor dem Hintergrund von Einzelprüfung abgeschoben. Was beinhalten diese Einzelprüfungen jedoch? Im Falle von Roma aus dem Kosovo ist in Verbindung mit dem Rücknahmeabkommen (April 2010) zwischen Deutschland und dem Kosovo, die Herkunft ausreichend. Alleine in der Stadt Göttingen sind unter diesen Prämissen bereits 200 Menschen zur „Rückkehr“ in Pristina, Kosovo angemeldet worden. Diese Menschen können von einem unbedingten Abschiebewillen ihnen gegenüber ausgehen. Dies trifft nicht nur auffällige Roma, sondern unterliegt einer Willkür, durch die auch Familien mit hier geborenen Kindern betroffen sind.

Auffällig und somit prädistiniert für eine öffentlichkeitswirksame Abschiebung sind natürlich straffällig gewordene Roma. Diese Situation straffällig geworden zu sein muss allerdings hinterfragt werden. So mussten die Roma seit ihrer Flucht vor 10 – 20 Jahren in einem Duldungsstatus verharren, hier wurden Duldungen meist nur wenige Monate verlängert. Zusätzlich bestand bis vor kurzem ein Ausbildungsverbot für gedultete Menschen. Die Praxen der Residenzpflicht (Landkreis darf nicht verlassen werden) und der Gutscheine (statt Bargeld) machen ein menschenwürdiges Leben kaum bis gar nicht möglich.
In einem Leben ohne Perspektive auf gute Arbeit ist das Hemmnis dies zur Not auch illegal zu versuchen natürlich minimiert, zumal dies wie angesprochen durch Ghettoisierung noch verstärkt wird.

Dies bedeutet, dass die hinreichenden Bedingungen zur Abschiebung im Sinne einer Einzelprüfung vom gesetzlichen Rahmen begünstigt, wenn nicht gar geschaffen werden. Darüber hinaus ist die Herkunft ausschlaggebend für den Vollzug der Abschiebung. An dieser Stelle wird allerdings nicht differenziert, wo die Menschen geboren sind oder was sie in ihrem „Herkunftsland“ erwartet.

Wo ist jetzt der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland bezüglich ihres Umganges mit Roma?

Frankreichs Präsident fischt am rechten „Rand“ und propagiert die Abschiebungen von Roma, Deutschland versucht diese unter den Tisch zu kehren und sukzessiv zu relativieren.

Dabei werden von der Abschiebung betroffenen Roma so viel Steine wie möglich in den Weg gesetzt um ihren Kampf für Bleiberecht ad absurdum zu führen.

Dies kann an zwei Einzelfällen aus Göttingen exemplarisch für den deutschen Abschiebeapparat gezeigt werden.

Jetmir (19 Jahre alt – als Baby nach Deutschland gekommen) und Ramadan Kryeziu (23 Jahre alt, war vier zum Zeitpunkt der Flucht) sollten am 22.06. zusammen mit 20 anderen Roma aus der Stadt Göttingen (+ 8 Landkreis) nach Pristina abgeschoben werden. Sie sind beide in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert. Beide erlangten ihren Hauptschulabschluss und sind der deutschen Sprache mächtig. Da die Familie Kryeziu Ende 2005 aus Angst vor Abschiebung für drei Monate nach Schweden flüchtete, ist ihr anerkannter Aufenthalt auf bürokratischem Wege von 19 Jahren auf vier Jahre reduziert worden. Dies beinhaltete eine 4 jährige Arbeitssperre , die zu Beginn dieses Jahres ablief. Die beiden Brüder bekamen im Herbst letzten Jahres eine Ausreiseaufforderung und schließlich einen Abschiebetermin für den 22.06.2010.

Sie suchten am 21.06. Schutz im Kirchenasyl unterdem sie sich bis zum heutigen Tage befinden, aufgrund der drohenden Abschiebung. Jeder Versuch eine Wiedereinsetzung der Duldung auf juristischem Wege zu erreichen, erwies sich als Sackgasse und dies obwohl die beiden vertraglich zugesicherte Ausbildungsstellen vorweisen können. Diese seien nur aufgrund des Ausreisedruckes angestrebt worden. Wäre dies der Fall, bleibt die Motivation nicht zumindest zu einem Teil bedeutungslos?

Betrachtet man den Zeitkontext der Arbeitssperre und der Ausreiseaufforderung wird klar ersichtlich, dass eine solche Unterstellung seitens der Gerichte konstruiert ist. Das Jetmir zuvor seinen Schulabschluss machte und Ramadan vorgelegte Arbeitsstellen (innerhalb der 4 J. Arbeitssperre) unter Berufung auf eine Vorrangprüfung nicht antreten durfte, wird nicht berücksichtigt.

Das eine Komission für sog. Härtefälle in Niedersachen ihre Funktion nicht erfüllt, sobald ein Abschiebetermin vorgelegen hat, komplettiert den Eindruck den dieser Abschiebeapparat vermittelt.

Wenn Menschen, welche 19 Jahre in Deutschland aufgewachsen sind anhand von Einzelprüfungen abgeschoben werden sollen und alle Widerspruchsmittel bereits im Vornherein aussichtslos sind, stellt sich die Frage nach von Deutschland gewollten Massenabschiebungen nicht, denn die Antwort liegt deutlicher da, als es die Bundesregierung oder die Innnenministerien der Länder verkaufen wollen.

Deutschland will Roma nicht! Und darin bestehen maximal Nuancen von Unterschieden zur französischen Abschiebepraxis bezüglich der Roma. Eine „Nuance“ ist, dass Deutschland seine historische Verantwortung gegenüber den Roma verneint und die in Deutschland geschehene systematische Vernichtung von Roma und Sinti in der Nazizeit gewissenlos ignoriert wird.

Boardwalk Empire

Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins ….. Prohibition

So wird dem Anfang der Prohibition entgegengefiebert, nicht als Verbot, sondern als Möglichkeit im Land der Unbegrenzten.

Nun war es so weit, die Premiere von „Boardwalk Empire“ lief vergangenen Sonntag auf HBO.
Der erste Eindruck bleibt positiv. Etwas dreckiger könnte es in den Strassen von Atlantic City aussehen, aber vielleicht ist dies auch gar nicht im Sinne eines stilistisch episch gedachten Werkes. Erstaunlich witzig geht es im Hause Nucky Thompsons (Steve Buscemi) zu, der Butler Thompsons sorgt nicht unpassend für humorvolle Momente.

Sonst folgt „Boardwalk Empire“ den Fußstapfen des Mafia – Genre, die u.a. Martin Scorsese (der auch im Piloten Regie führt und Produzent der Serie ist) selbst in der Kinowelt hinterlassen hat.

Der Cast, das Set und die Atmosphäre erfüllen die Erwartungen an Authentizität und vor allem Steve Buscemi und Michael Pitt als Jimmy Darmody bilden ein vielversprechendes Charakterpaar, eines korrupten Politikers und eines aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrten angehenden Gangsters.

Bisher leider nur mit wenigen Sekunden berücksichtigt, Michael K. Williams (Omar Little), bei dem ich gespannt bin, welche Bedeutung ihm als Schwarzen im Kontext der beginnenden 20er Jahre zukommt. (Hoffentlich nicht als Randfigur)

Freuen wir uns auf elf weitere Episoden in denen um die Vorherrschaft im Alkoholschmuggel gekämpft wird.

Mr. Nobody

Wenn Zeit keine Rolle spielt, wenn man alle Entscheidungen treffen kann, hat die einzelne Entscheidung eine Bedeutung?

Nemo Nobody (Jared Leto) erinnert sich an sein Leben. Er ist ein alter Mann, der nie existierte. Wer ist Mr. Nobody?

In einer Zukunft, in der er der letzte Sterbliche ist, resümiert er sein Leben. Doch seine Geschichten sind widersprüchlich. So scheiden sich die Eltern des jungen Nemo, bleibt er beim Vater oder entschließt er sich der Mutter zu folgen. Nemo verliebt sich, doch hat er sich in Anna oder Elise verliebt? Sich doch für Jean entschieden? Hat er diese Entscheidung niemals getroffen und daher jede, eine oder gar keine dieser Möglichkeiten gelebt?

„Mr. Nobody“ erzählt eine Lebensgeschichte und doch viele Verschiedene. Der Film springt dabei durch die einzelnen Schicksale Nemo Nobodys und verbindet sie doch zu einem großen Ganzen. So fließt der Zuschauer durch das Leben des Mr. Nobody und erfährt seine Schmerzen, seine Sehnsüchte. Dabei entfacht der Film ein athmosphärisches Feuerwerk der Wärme. Dies gelingt „Mr. Nobody“, indem er das Leben des Hauptprotagonisten in einen visuellen Mantel der Extraklasse hüllt. Ein Zoom aus dem Himmel, ein Zeitraffer am Bahnhof oder die vielen Szenen der Revisionen von Zeit, in denen alles still zu stehen scheint, obwohl die Zeit rückwärts läuft.

Diese visuelle Dynamik wird durch einzelne Musikthemata nicht nur unterstützt, sondern intensiviert. Das eigentliche Chaos der Geschichte verwandelt sich in einen Strom des Lebens.

Es gelingt dem belgischen Regisseur Jaco Van Dormael eine Geschichte der Liebe, Zuneigung und Verzweiflung auf eine einzigartige Weise zu erzählen und auch zu Ende zubringen. Die Atmosphäre erinnert an „Eternal Sunshine of a spotless Mind“ und man könnte auf den Gedanken kommen, wenn Charlie Kaufmann sich dem „Butterfly Effect“ angenommen hätte, wäre ein ähnliches Werk herausgekommen.
Die Darsteller überzeugen; Jared Leto (Requiem for a Dream) bietet in seinen einzelnen Versionen des Nemo Nobody eine notwendige Charakterstringenz und vermittelt die emotionalen Dimensionen Nemos. Die größte Überraschung findet sich jedoch in der Darbietung Diane Krugers, die in der Rolle der Anna, Nemos Sehnsucht authentisch bündeln kann.
In besonderer Weise kann Sarah Polley in der Rolle der manisch depressiven Elise überzeugen, in welcher es ihr gelingt die Verzweiflung und innere Zerissenheit ihres Charakters in eindrucksvoller Weise darzustellen.

„Mr. Nobody“ ist schönes, originelles Erzählkino, welches nicht nur durch einen interessanten Plot und seine Schauspieler überzeugt, sondern es schafft durch eine Symbiose der Geschichte mit einer audiovisuellen Welt den Zuschauer nachhaltig zu beeindrucken.