Archiv für Oktober 2010

Rubicon

In einer unscheinbaren New Yorker Seitengasse betritt ein Mann ein Gebäude. Die Kamera über der Tür will nicht in das Bild passen. Der Sicherheitsmann im Eingangsbereich verfestigt die Ahnung, es handelt sich um Regierungsgebäude.

Will Travers ist ein Analytiker für das AmericanPolicyInstitute, seine Aufgabe ist die Daten verschiedener amerikanischer Geheimdienste zu analysieren und zu interpretieren. Es ist Geheimdienstarbeit am Schreibtisch, die in ihrer anfänglichen Subtilität nicht von ungefähr an Sidney Pollaks „Die drei Tage des Condors“ erinnert.

Was wäre aber eine Agentengeschichte ohne die große Verschwörung im Hintergrund, also stösst Will Travers (James Badge Dale, bekannt aus „The Pacific“) auf ein Schema in Kreuzworträtseln verschiedener amerikanischer Zeitungen. Auffällige Schemata zu erkennen und zu deuten ist sein Beruf, daher teilt er dies seinem Vorgesetzten mit, was seinem Vorgesetzten und Freund David Hadas das Leben kostet. Es wird eine Ereigniskette in Gang gesetzt in der Will Travers klassischer Weise nicht mehr weiß, wem er überhaupt trauen kann.

Insbesondere Arliss Howard in der Rolle des Kale Ingram versteht es auf authentische Weise den Typ des ruhigen, zwielichtigen Geheimdienstlers darzustellen und seinen Charakter im Laufe der ersten Staffel gelungen weiter zu entwickeln.

So ist auch Michael Cristofer als Truxton Spangler, dem Travers und Ingram in der Struktur des API unterstehen, eine eindrucksvolle Figur als eine Art Wolf im Schafspelz.

AMC (Breaking Bad / Mad Men) ist es gelungen eine Agenten-Serie zu kreieren, die in ihrer Einfachheit überzeugt. Es werden keine Überwachungen an exotischen Orten mit Explosionen und Schießereien gezeigt. Die Arbeit spielt sich eben in einem New Yorker Bürogebäude ab, in dem mehrere Teams versuchen Bedrohungsszenarien zu verifizieren. Dabei werden Fotos analysiert, Personen versucht zu indentifizieren und Reiserouten in ihrer möglichen Bedeutung versucht zu interpretieren. So ist es schließlich auch möglich die Verantwortung einer solchen Arbeit zu thematisieren indem in einem Fall Travers‘ Team ein Ziel im Nahen Osten einstufen muss und ein Zweifel ihrer Einschätzung bestehen bleibt.

Die Klasse der Serie wird primär durch die gelungenen Charaktere erreicht, der Plot der Verschwörung wird klassisch aufgebaut und zum Staffelende hinreichend aufgelöst, so dass die (hoffentlich kommende) zweite Staffel mit den individuellen und strukturellen Konsequenzen der Verschwörung beschäftigt bleiben. „Rubicon“ ist gute Unterhaltung in subtilem Stil, die es schafft Spannung(en) zu entwickeln und sich dabei eine klassische Art zu erhalten.

„The king is dead, long live the king“

Vor knapp einer Woche las ich in der Zeitung, dass Solomon Burke, eine Legende des Soul, verstorben sei. Einige Zeit starrte ich geistesleer auf die Nachricht, bevor mich ein leises Lächeln wieder in die Realität zurück holte. Ich erinnerte mich an seine Worte zum Tod. Und Solomon Burke kannte sich mit dem Geschäft aus. Als Bestatter war er der Ansicht, das Beerdigungen die beste Zeit zum Lachen sind, „Das gibt Kraft, den Tod zu ertragen“, und es sei eine Schande, wenn Pfarrer nicht auch Komödianten sein können. Neben diesen sehr früh erlernten Beruf, den er sein ganzes Leben lang innehatte war er aber noch vieles mehr.
Mr. Burke war Bestatter, er war ein Mann der Kirche, er war Vater von 21 Kindern und Großvater für 90 Enkel und vor allem war er (Musik-) Revolutionär. Oftmals wird ja behauptet er stünde im schatten von Sam Cooke und Otis Redding. Die zu damalige Zeit wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Doch ohne Burke wäre die Welt des Gospels, Soul und R&B erheblich ärmer. Nicht umsonst wurde er in den 60er Jahren als „King of Rock & Soul“ gefeiert.
Als 14- Jähriger begann seine Karriere mit dem Gospelsong „Christmas Presents from Heaven“. In den 60er Jahren eroberte er mit „Cry to me“ die Charts, später wurde der Song in den Film „Dirty Dancing“ gebraucht und dadurch unsterblich. Allen und jeden bekannt ist allerdings „Everybody Needs Somebody to Love“, den heute viele nur noch als Cover der Stones, Wilson Pickets oder der Blues Brothers kennen. 2001 schien sein unaufhaltsamer Aufstieg ein Ende zu haben. Mit der Aufnahme in die Rock & Roll Hall of Fame schien er am Gipfel des Olymps angekommen zu sein. Auch hier wieder machte sich sein einzigartiges sympathisches Wesen bemerkbar, als er schmunzelt feststellte „Die denken nun, das nicht mehr viel kommt“. Doch anstatt sich auf den Wohlverdienten Ruhestand zu freuen, nahm er eine Comeback Platte auf. „Don´t give up on me“ (2002) gewann 2003 den Grammy für das beste zeitgenössische Blues Album.
Burke lebte für die Musik, das zeigt nicht nur, dass er im zarten Alter von 70 Jahren noch eine Welltournee auf sich nahm, sondern auch, dass er noch ein letztes Album mit der niederländischen Rockband De Dijk aufnahm. Bezeichnenderweise lautet der Titel seines letzten Albums „Hold On Tight“.
Auf dem Weg nach Amsterdam, wo er das Album vorstellen wollte, ist Solomon Burke im Alter von 70 Jahren, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt, verstorben.

Ersehnte Diktatur

Die soeben veröffentlichte Studie, „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“, im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigt deutlich wie stark der Wunsch nach Diktatur und die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus innerhalb unserer Gesellschaft verteten wird und damit die Demokratie gefährdet. Jede/r Vierte in Deutschland wünscht sich eine „starke Partei“, die die „Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Jede/r Zehnte erhofft sich einen „Führer der Deutschland mit harter Hand regiert“, oder hält eine „Diktatur für die bessere Staatsform“. Blättert man in der Studie ein wenig weiter schreckt man spätestens dann auf, wenn man lesen muss, dass durschnittlich jede/r Zwansigste allen drei Aussagen gleichzeitig zustimmt und somit auch die Fiktion einer „Volksgemeinschaft“, die von einheitlichen Interesse und einem Führer getragen wird, in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist. Denn, und das gilt als weiter schockierender Befund der Studie, „Rechtsextreme Einstellungen finden sich in allen gesellschaftlichen Bezugsruppen“. Zwar ist der Alterseffekt, als auch der Bildungseffekt weiterhin sehr deutlich ausgeprägt, „Rechtsextremismus sei jedoch kein Phänomen am Rand der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil finden sich rechtsextreme Einstellungen in besorgniserregendem Maße in der Mitte der Gesellschaft.“ (In den neuen wie alten Bundesländern, bei Männern und Frauen, in allen Altersklassen, bei Befürwortern demoratischer Parteien, bei Gewerkschaftsmitgliedern und Kirchenangehörigen) Angesichts der Abstiegsängst, geschuldet durch die Wirtschafts- und Finanzkrise haben rechtsextreme Einstellungen zugenommen. Durch die ständige Betonung der Bedeutung des Wirtschaftsstandorts Deutschlands, wird nicht nur eine Entsolidarisierung mit den Marginalisierten und Prekarisierten legitimiert, sondern zusätzlich auch noch die Rede von einer Nation als eine Interessensgemeinschaft. „Die als gemeinsames nationales Interesse formulierte ökonomische Rationalität sei zur dominanten Argumentationsfigur geworden und habe die demokratischen Institutionen geschwächt.“
Die Autoren der Studie werten die Ergebnisse als „Alarmsignal“für Politik und Gesellschaft. In die Pflicht nehmen sie dabei beide, sowie die Medien. So müsse Demokratie besser erfahrbar werden, es sollte mehr und bessere Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen, die materielle Absicherung eines menschenwürdigen Lebens muss verbessert werden und die Medien sollten einmal mehr auf nichtdiskriminierende Berichterstattung achten.
Wenn man jedoch Sarrazin von „Kopftuchmädchen“ redet hört und seine biologistischen Argumentationen in jeder noch so schlechten Talkshow mitverfolgen kann, oder Horst Seehofer und seine Äußerungen zu „Kulturkreisen“ bedenkt, wird ersichtlich, dass von Seiten der Politik und der Medien keine Unterstützung zu erwarten ist.