Archiv für August 2011

Sog. Islamkritik im Schatten von Menschenverachtung

Kann der Islam als Religion kritisiert werden? Natürlich, gerade aus meiner atheistischen Position fällt mir das noch nicht einmal schwer. Bedient man sich einer feministischen oder GenderPosition muss insbesondere die Rolle der Frauen im Kontext der Quellen und Bräuche (z.B. Burka) ebenfalls grundlegend kritisiert werden. Der Islam und seine verschiedenen Ausformungen bleiben Gegenstand einer angebrachten und z.T. notwendigen Kritik um auch auf gesellschaftliche Problemfelder besser reagieren zu können. Dabei bleibt der Islam allerdings ein Faktor und wird nicht zu einem monokausalen Ursachenprinzip. Millieubedingte und ökonomische Erklärungsansätze, die ein Prekariat von Bildung und Einkommen in das Verhältnis von gesellschaftlichen Schwierigkeiten setzen und somit konstruktive Lösungsansätze sowie eine vollständige Betrachtung der Problematiken bieten bleiben unerlässlich und dürfen nicht ignoriert werden.

Aber geht es den sog. Islamkritikern wirklich um die konstruktive Kritik an einer Religion? Die Lösung in den einschlägigen Foren und Blogs ist klar, der Islam muss verschwinden und zwar mindestens aus Deutschland und Europa, aber eigentlich sogar auf der ganzen Welt. Es sei eine faschistische Ideologie, keine Religion; hier werden zwar Definitionen konsequent ignoriert, aber mit einer „Degradierung“ zu einer Ideologie gestaltet sich eben das Verbieten auch gleich leichter.

Was unterscheidet allerdings einen islamkritischen Menschen von einem der sog. Islamkritiker? Es ist die Angst vor der Islamisierung Europas, man könnte von einer Phobie des invasierenden „Muselmanens“ sprechen, man könnte von Islamophobie sprechen. So werden dann demographische Charakteristika zu nichts anderem als einem schleichenden Dschihad und Multikulti ist der Anfang vom Ende, die Scharia quasi schon eingeführt. Das in diesem Kontext die Konsistenz z.B. des deutschen Grundgesetzes einfach ignoriert wird, interessiert den sog. Islamkritiker wenig, denn der Islam wird seinen Weg schon finden, dass hätte die Historie bewiesen.

Interessant aber in dieser Hinsicht ist letztendlich die Motivation zu dieser Islamkritik. Es handelt sich hier allzuoft um nichts anderes als der Angst vor Überfremdung, den Verlust der völkischen Identität. Multikulti als Zustand der sich auflösenden Heimat, den es nicht nur zu verhindern gilt, sondern gar zu revidieren. Dabei ist es dann egal mit welchen Mitteln dies geschehen muss, die Perspektive auf die allgemeinen Menschenrechte, auf die Demokratie beginnen zu verschwimmen. Es werden Abschiebungen gefordert, nicht nur für hier geduldete Menschen, sondern für Angehörige des Kollektivs Islam per se, die zweite und dritte, hier geborene und aufgewachsene Generation habe nicht das Anrecht hier zu leben, schließlich habe sie niemand eingeladen zu bleiben. Es wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen, Menschenrechtsverständnis und Autokratie wird in der islamischen Welt (in Teilen durchaus zu Recht) angeprangert, allerdings in seinen eigenen „Lösungsansätzen“ negiert, Wahlrecht u.ä. zu einem Privileg der „einheimischen“ Kulturangehörigen. In diesem Zusammenhang wird, wenn man schon mal dabei ist, auch gleich noch ein Kulturelitarismus par exellence geschürt, völlig inkonsequent aber zweckdienlich. So werden die Kulturen (als Schutz vor dem Rassismusvorwurf wird das Wort Rasse möglichst gemieden) nach ihren Errungenschaften bewertet und in eine Reihenfolge gebracht.

An erster Stelle stehen natürlich die westlichen Zivilisationen, mit der Aufklärung, dem Rechtsstaat, dem Liberalismus und natürlich zu guter letzt der Demokratie hat das Abendland seinen Wert mehr als deutlich herausgestellt. Da die sog. Islamkritiker aber gar keine Rassisten sind, findet sich im asiatischen Raum auch noch die ein oder andere Hochkultur, was am Ende für Afrika und den Islam (plötzlich wird daraus eine Kultur, erst Ideologie, jetzt Kultur, aber in diesem Kontext nur Araber zu benennen könnte angreifbar werden, also wirds zu einer übergreifdenden Kultur) nicht mehr reicht.

Auch hier erkennen wir dann das krude Verständnis von Elite, denn diese westlichen Errungenschaften müssen gar nicht inhaltlich vertreten werden. Es genügt in dieses Privileg geboren zu werden. Via Kulturzuhörigkeit werden die besseren Menschen von den schlechteren Menschen unterschieden, dabei dient das Instrument der Islamkritik einzig und allein dazu den schlechteren Menschen einen Rahmen zu geben. Damit aber noch nicht genug, da die (Rechts-)Quellen des Islams „studiert“ sind, ist es dem sog. Islamkritiker möglich das Denken und Handeln jedes Muslims zu bestimmen, es steht folgendermaßen geschrieben, so hat sich dann der Muslim an sich zu verhalten, äußert sie/er sich anders ist dies dann nichts anderes als die Lüge gegenüber dem Ungläubigen aus der noch schwachen Position. Ein einfaches und sehr genehmes Weltbild, entweder sie sind böse im Zeichen ihrer Religion, pardon Ideologie oder wenn sie kritisch oder gleichgültig mit dem Islam umgehen belügen sie „uns“ eben; sie werden einer eigenen Meinung beraubt, der Islam verbleibt als ihre einzig gültige Definition, der sog. Islamkritiker wird zur Definitionsmacht.

Was bedeutet ein solches Verständnis dann aber in seiner Konsequenz? Es ist nichts anderes als die Entmündigung des muslimischen Individuums. Muslime werden zu religiösen Befehlsempfängern degradiert, ihnen wird der freie Wille qua Religionszugehörigkeit abgesprochen. Geht man davon aus, dass es der freie Wille ist, der den Menschen als Menschen definiert, kann man sukzessiv sagen, dass die sog. Islamkritiker die Muslime entmenschlichen und das scheint auch sinnvoll zu sein, denn so kann sich der Kreis schließen, die allgemeinen Menschenrechte werden als Beweis der eigenen kulturellen Überlegenheit präsentiert, sinngemäß zwar auf partielle Menschenrechte reduziert, doch vergegenwärtigt man sich die angesprochene Entmenschlichung der Muslime verschwindet dieser Widerspruch wie von Geisterhand und die Verwehrung von Menschenrechten wird im kruden Weltbild der sog. Islamkritiker nichts anderes als logisch und legitim. Doch zeigt dies nicht nur die Zweckentfremdung von Religionskritik als Rechtferigung eines unbegründeten Überlegenheitsdenkens, sondern offenbart die menschenverachtende Qualität hinter der Fassade eines angeblichen Tabuthemas.

Es begann in Sidi Bouzid

Der Arabische Frühling ist zu einem geflügelten Wort geworden. Es begann alles mit der Selbstverbrennung Mohamed Bouazizis, der aus der strukturellen Problematik der Prekarität keinen anderen Ausweg mehr wußte. Es folgte eine Revolte die zunächst nur das Brot forderte und am Ende Ben-Ali nur noch die Flucht lassen sollte.

Der Arabische Frühling ist sicherlich nicht als eine gemeinsame Revolution zu verstehen, es ist ein Phänomen, welches sich in Maghreb verbreitete als die Menschen erkannten sich gegen ihre autoritären Regime auflehnen zu können. Dies begann in Tunesien, setzte sich mit Mubarak fort und steckt in Ländern wie Libyen, Syrien u.a. gerade in einem offenen Krieg der „Autoritäten“ gegen ihre Bevölkerung. In Tunesien und Ägypten stellt sich die Frage wie es weiter geht; die tunesische Bevölkerung zeigt ihren Unwillen gegenüber den „alten Kräften“ in neuen Übergangsregierungen, in Ägypten hat das Militär das Zepter in die Hand genommen. Man spricht davon, dass islamistische Strukturen, wie die ägyptische Muslimbruderschaft von schnellen Wahlen profitieren würden, da ihr Professionalisierungsgrad weiter fortgeschritten ist als die neu entdeckten demokratischen Strukturen, die mehr ein Wunsch, eine Sehnsucht, im Grunde genommen ein Gefühl sind, was Antrieb gewesen ist auf die Strasse zu gehen, doch natürlich noch kein Verständnis eines Parteiwesens, eines Parlamentarismus sein kann.

Im Mai 2011 machten sich mehrere Menschen aus Göttingen auf nach Tunis um an einem Vorbereitungstreffen für den geplanten transnationalen Kongress im Herbst in Tunis teilzunehmen. Dieses Treffen sollte zwar aufgrund von einer erneuten Repressionswelle ausfallen, doch ergab sich trotzalledem die Möglichkeit einen persönlichen Eindruck der tunesischen Revolten zu erhalten, ihre Motivationen kennenzulernen und ihre Hoffnungen zu verstehen.

Diese Eindrücke wurden im Juni bei einer Veranstaltung weiter vermittelt und in zwei Mitschnitten aufgezeichnet, die auf http://www.aut-goe.de/ bereitgestellt wurden und nun auch hier angehört werden können. Es nimmt etwas Zeit in Anspruch, doch lohnt es sich diesen unverfälschten Eindruck des Beginnes des Arabischen Frühlings und den dargestellten Eigenheiten im Kontext der tunesischen Revolten anzuhören.

Teil 1 der Veranstaltung

Teil 2 der Veranstaltung