Die natürlichen Grenzen des Kapitalismus; der Versuch einer Bestandsaufnahme

Das Jahr 2011 hatte bisher einiges zu bieten, was in der historischen Retrospektive irgendwann einen großen Stellenwert in den zukünftigen Geschichtsbüchern haben könnte. Die Wende in der deutschen Atompolitik, ausgelöst durch die atomare Katastrophe von Fukushima, die das Stimmungsbild hinsichtlich der Sicherheit von Atomstrom zumindest in Deutschland grundlegend verändert hat, der vor Jahren angedachte Atomausstieg wird von der konservativen Bundesregierung reaktiviert und kurioserweise für sich beansprucht. In Maghreb breitet sich ein Flächenbrand der Revolten aus, dem die autoritären Herrscher peux a peux nicht mehr stand halten können, was sich daraus entwickeln wird, ob dies zu einer Chance für die Demokratie wird, bleibt offen. Im Gegenzug erfährt die Islamophobie ihren frühzeitigen Höhepunkt durch das Massaker von Anders Breivik, der im Namen des „Counter Jihads“ in Norwegen 76 Menschen tötet, weil er von der kulturmarxistisch forcierten Islamisierung Europas überzeugt war und daraus eine geisteskranke Handlungsnotwendigkeit ableitete. Damit aber noch nicht genug, im Zuge der hohen Jugendarbeitslosigkeit entwickeln sich Proteste, die die Jugend u.a. in Spanien auf die Straße treibt, aber auch in Israel im Kontext horrender Wohnungsmieten die Stimmen erhebt und in London zu einem nächtelangen Wutausbruch der „Vergessenen“ führt. Womit wir beim Thema wären, denn die Jugendarbeitslosigkeit, die israelische Wohnungskrise lassen sich beide nicht von einer Entwicklung trennen, die sich erstmals massiv im Jahr 2008 gezeigt hat; eine Finanzkrise unvorstellbaren Ausmaßes.

Es schien überwunden, im Jahr 2008 platzte die Spekulationsblase des amerikanischen Imobilienmarktes und die Folgen erschütterten die ganze (Finanz)Welt. Durch Verbriefungen, Hedgefonds und weitere Erfindungen der virtuellen Finanzwelt erfasste die Krise der amerikanischen Banken die ganze Welt. Lehman Brothers wurde im Namen der (ökonomischen) Ethik fallen gelassen, das Credo „Too Big to Fail“ bewusst ignoriert, das Loch des Vertrauens mit vielen Milliarden von der US-Regierung gestopft. Die Märkte erholten sich wieder, die Krise war intensiv, aber sie konnte durch wirtschaftspolitische Maßnahmen und Eingriffe korrigiert werden. War dies das Ende der neo-liberalen Prinzipien in der Welt des Kapitalismus?

In Deutschland schien es ganz im Gegenteil, da wurde im Folgejahr der parteiische Vertreter des Neo-Liberalismus die FDP zur Belohnung in die Regierung gewählt. Auch war zwar hier und da vom Ende der Deregulierung zu hören, doch am Ende sind die Marktprinzipien dann doch heilig und die Eingriffe in diese nichts Weiteres als ein verkleideter Sozialismus. 2011 jedoch sieht die Sache wieder ganz anders aus. Die Finanzkrise erlebt nicht nur ihren zweiten Frühling, sie kommt drei Jahre später mit einer Gewalt zurück, die den Glauben in die Marktwirtschaft grundlegend erschüttern könnte. Dabei ist es gar nicht notwendig im Sinne einer Kapitalismuskritik, die bedingenden Ungerechtigkeiten aufzuarbeiten oder Grundproblematik der Chancengleichheit als Voraussetzung für funktionierende Marktprinzipien zu erörtern. Der Kapitalismus zeigt seine Fratze der Unkontrollierbarkeit, die sich von Maßlosigkeit und Gier seiner Akteure hatte nähren können und ist sukzessiv in seiner Funktionsfähigkeit in Frage gestellt.

Nun wurde 2008 schon prophezeit, dass es sich um die größte Krise der Wirtschaft seit dem schwarzen Freitag 1929 handeln könnte. Schon damals war es der Zusammenbruch der amerikanischen Börse, der eine Wirtschaftskrise nach sich zog, die u.a. den Aufstieg des Faschismus in Deutschland begünstigte und somit einen Weltkrieg nach sich zog, der im Rahmen der Kriegsrüstung und des Kriegszustandes die Weltwirtschaft spätestens wieder einebnete. Doch schien das Ausmaß der 2008er Krise auch den Wirtschaftsexperten zu diesem Zeitpunkt nicht klar zu sein. Die USA müssen zum Wohle des Vertrauensvorschusses in die eigenen kapitalistischen Akteure immer wieder investieren und doch scheint die Spirale der Liquidität abwärts zu gehen. So stufte die Ratingagentur S&P die Kreditwürdigkeit der Weltwirtschaftsmacht USA trotz aller Investitionsbemühungen auf AA+ herunter. Das die USA sicherlich in den letzten drei Jahren an ihrer Wirtschaftlichkeit eingebüßt haben, so wie dort mit unvorstellbaren Beträgen um sich geworfen werden musste, erscheint noch nachvollziehbar, doch was befähigt eine solche Ratingagentur eigentlich zu einem letztendlich nicht konsequenzlosen Downgrade.

Am Beispiel Griechenlands lässt sich die fragwürdige Bedeutung von Ratingagenturen am anschaulichsten demonstrieren. So hängt von der Beurteilung der Ratingagenturen das Vertrauen in die griechische Wirtschaft ab. Denn das Urteil, was hier gefällt wird über die Kreditwürdigkeit des Staates bedeutet gleichzeitig den Maßstab nach dem sich die anderen Akteure richten. Fällen die Agenturen ein negatives Urteil, wird das Vertrauen in die Wirtschaft Griechenlands auch nicht initiiert werden können. Wird ein positives Urteil gefällt, bedeutet dies gleichzeitig ein Signal für den Glauben in die griechische Volkswirtschaft. Das Ergebnis der Ratingagentur kann also gar nicht autark betrachtet werden, weil es einen elementaren Einfluss auf zukünftiges Vertrauen impliziert. Es ist also im Grunde genommen eine politische Entscheidung. Vor dem Hintergrund, dass die Wirtschaftswissenschaften in ihrer Prognosefähigkeit mehr als eingeschränkt sind, da ihre Abstraktionsmodelle zwar zu ex post Erklärungen in der Lage sind, aber Komponenten, wie z.B. Vertrauen auch nur spekulativ bedienen können, bleibt die Funktion der privaten und gewinnorientierten unternehmerischen Rating Agenturen in ihrer Unabhängigkeit sehr fraglich.

So sind also die beiden traditionell einflussreichsten Wirtschaftsräume, also die USA und die EU in einer tiefen Krise angekommen. Die drohende Insolvenz bzw. Zahlungsunfähigkeit Griechenlands belastet neben den Folgen ausgehend von 2008 den europäischen Bankenmarkt zusätzlich und stellt eine Gefahr für die Eurowährung da. Der Dollar hat seine stärksten Zeiten ebenfalls hinter sich. Da könnte man jetzt meinen, dass der Markt eben schlechte Akteure „bestraft“ und da er sich selbst eben regelt, werden andere ökonomische Akteure die Gunst der Stunde nutzen. Aber dies scheint sich bei näherer Betrachtung ebenfalls als Irrtum herauszustellen, da der Finanz- und Währungsmarkt so eng miteinander verknüpft ist, dass es in dieser Krise des Marktes einen wirklichen Gewinner gar nicht zu geben scheint. China, in den letzten Jahren zur zukünftigen ökonomischen Hegemonialmacht hochgejubelt, verliert mit dem Downgrade der US-amerikanischen Wirtschaft aufgrund der hohen Beteiligung an amerikanischen Staatsanleihen ebenfalls an Status. Sie sind geradezu abhängig davon, dass es nicht noch weiter bergab geht mit den USA.

Welche Problematiken durch die globalisierte und komplexisierte Weltwirtschaft entstanden sind zeigt sich auch am Beispiel der Schweiz, die sich aus der Eurozone traditionell rausgehalten hat. So bekommt der Schweizer Franke eine enorme Aufwertung im Spiel der Währungskurse im Kontext der erodierenden Stabilität des Euros. Dies bedeutet aber für die Schweiz nichts anderes als Deflation, womit die Waren der Schweiz aufgrund des zu hohen Währungskurses für das Ausland viel zu teuer werden. Die Konsequenz, die die Schweiz daraus zieht ist ein Mindestkurs des Euros bei 1,20 Franken, also ein weiterer Eingriff in den Markt, der bei bleibender Tendenz nicht aufrecht zu halten wird. Der Kapitalismus wirkt ohne Ausnahme.

Wir befinden uns also an einem Zeitpunkt, wo dem Markt derart komplexe Strukturen zu Grunde liegen, dass einzelne Akteure nicht mehr dazu in der Lage sind entsprechende Konzepte hinsichtlich der Negativ-Entwicklung zu entwerfen. Der Kapitalismus ist in diesem Zusammenhang nicht nur unkontrollierbar geworden, sondern es scheint auch den kompetentesten Experten an dem nötigen Verständnis zu fehlen und es bleibt nichts anderes übrig als Maßnahmen zu beschließen, die auf nichts anderem als Spekulation fußen. Die Rettungshilfepakete für Griechenland werden geschnürt und auf den Weg gebracht, ob sie die bevorstehende Staatspleite Griechenlands dann verhindern können steht in den Sternen. Man setzt auf die Hoffnung, Vertrauen stiften zu können indem man mit immer größeren Zahlen öffentlich hantiert. Dieses Vertrauen allerdings ist eine völlig abstrakte Größe, niemand kann dieses messen oder ernsthaft prognostizieren, so werden auch die auf das Vertrauen gerichteten Investitionsmaßnahmen geschätzt und mit einer großen Portion Hoffnung garniert.

Gerade in Deutschland wird dann die Krise von den Verantwortlichen klein geredet, was dann angesichts des wahrscheinlich verzögerten Ankommens der Krise in der BRD auch nicht grundlegend hinterfragt wird. Was ist dieses Phänomen aber, was 2008 begann und den letzten Monaten von einem Tiefpunkt zum nächsten Tiefpunkt führte? Es ist eine grundlegende Krise des kapitalistischen Systems, welches gerade versucht sich verzweifelt an die letzten Strohhalme zu krallen. Stellen sich die Milliardenpakete für Griechenland als Fehlinvestition heraus, geht Griechenland trotz aller Register der Wirtschaftspolitik bankrott und die Auswirkungen auf den europäischen Wirtschaftsmarkt scheinen unvorstellbar. Die Eurowährung könnte im Sinne einer Hyperinflation kollabieren und die Folgen wären eine weltweite Krise in der der Begriff Kreditwürdigkeit seinen Sinn verlieren würde.

Doch ist dies natürlich ein Worstcase-Szenario was vielleicht abgewendet werden kann, aber bleibt die elementare Frage nach der Funktionsfähigkeit des Kapitalismus nicht trotzdem bestehen? Muss sich diese Frage nicht vor einem Zusammenbruch eines solchen Systems gestellt werden? Die Möglichkeit des Kollabieren des Kapitalismus hat sich angedeutet, doch ein Sinneswandel, wie es im Kontext von Fukushima durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung statt gefunden hat, von der ist weit und breit nichts zu spüren. Selbst in der antikapitalistischen Linken ist nichts von einem Aufbäumen a la „Jetzt erst Recht“, wir nutzen „die Gunst der Stunde“ Stimmung in der Öffentlichkeit zu bemerken. Ganz im Gegenteil hat man das Gefühl, dass an der alteingesessenen Kapitalismuskritik festgehalten wird und die natürlich richtige Schiene der ideologischen Strukturkritik an den Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Schweinesystems der einzige Fokus bleibt. Doch gerade jetzt, wo der pragmatische Ansatz gerade zu einlädt, ist von Seiten der Antikapitalisten nicht mehr zu hören als zuvor. So ist die Situation aber doch geradezu prädestiniert für die Kritik des Kapitalismus in seiner Funktionsweise, dass die z.T. gewollte Unkontrollierbarkeit der Märkte am Ende sich selbst abschaffen könnte, ist kein Lesen im Kaffeesatz mehr, sondern sich andeutende Realität. Dieser pragmatische Ansatz hätte das Potential im Kontext der Krise diskursives Bindungspotential zu schaffen, was dazu in der Lage wäre den Antikapitalismus mehrheitsfähig zu machen und in den Diskurs der Mitte der Gesellschaft einzubringen. So muss der Fokus vielleicht nicht von der ideologischen Kritik verschoben werden, aber zumindest um die pragmatische Ebene grundlegend erweitert werden. Hier sind keine künstlichen Abgrenzungsmechanismen zum Establishment zu bewahren, wenn man ernsthaft vor hat den Kapitalismus zu überwinden.

Diese Kritik richtet sich natürlich nicht nur an die antikapitalistische linke Szene, sondern muss natürlich in Anbetracht des Ausmaßes und der Tragweite der Krise auch von der parlamentarische Ebene gefordert werden. Wie kann es sein, dass die Regierung, aber auch die Oppositionsparteien neben einer fehlenden Transparenz der Wirtschaftspolitik, die natürlich auch durch Ahnungslosigkeit bestimmt sein könnte, die Krise nicht in das Verhältnis zum Kapitalismus an sich setzt? So erwarte ich dies natürlich nicht von der FDP als Inbegriff der Turbokapitalisten, auch nicht von einer CDU, die als Regierungspartei die Zweifel ausgehend von der Krise so gering wie möglich halten will. Ich erwarte dies auch weniger von den Grünen, die ihre Ressorts gerade besser denn je nutzen kann. Von wem ich es erwartete ist von der Linken, die in dieser Thematik eigentlich zu Hause sein sollte, aber aufgrund mangelhafter Professionalität wahrscheinlich gar nicht in der Lage ist einen Diskurs zu initiieren und gerade nicht zuletzt von der Arbeiterpartei SPD, die im Grunde genommen ihre marxistisches Wurzelwerk wiederbeleben könnte. Die SPD, zwar in die Mitte gerückt, betonte in den vergangenen Jahren immer wieder gerne ihre Rolle als Arbeiterpartei, wenn sie es im Rahmen des Wahlkampfes rhetorisch für angebracht hielt. Doch wäre der Anstoß einer Debatte in der breiten Öffentlichkeit unter der pragmatischen Prämisse der kapitalistischen Funktionsfähigkeit nicht nur angebracht, sondern im Rahmen einer demokratischen Transparenz notwendig. Alleine die Vollständigkeit sich dem Thema der Finanzkrise und insbesondere der Eurokrise zu widmen gebietet die grundsätzliche Frage, ob die Marktprinzipien wirklich funktionieren oder sich nicht ein System entwickelt hat, dass im Sinne einer Unbeherrschbarkeit und den damit verbundenen möglichen Konsequenzen nicht seine Legitimität verloren hat. Denn geht man davon aus, dass die Märkte kollabieren könnten, ist der Zweck des Kapitalismus, die allgemeine Wohlstandsmaximierung ad absurdum geführt.

Der Kapitalismus hat am Ende des Horizonts seine Endlichkeit offenbart. Dabei ist es grundsätzlich zweitrangig, ob die aktuelle Krise noch einmal abgewendet werden kann, denn wird die Leitlinie der sich selbst regelnden Marktprinzipien weiter verfolgt ist es nur eine Frage der Zeit bis die nicht mehr abzuwendende Krise kommt. Es muss ein Diskurs entstehen der als Minimum die Deregulierung der Märkte nicht nur in Frage stellt, sondern verurteilt; diese Krise muss bei gesundem Menschenverstand das Ende des Neo-Liberalismus bedeuten. Darüber hinaus sollte die Frage nach der Funktionsfähigkeit des Kapitalismus nicht ausgeblendet werden, sondern sie muss sich zu einem zentralen Diskurs entwickeln an welchem sich die Entwicklung der zukünftigen Wirtschaftlichkeit orientieren kann. Das größte Problem der Kapitalismuskritik ist das Fehlen einer Alternative, die große Stärke muss die Identifikation falscher Entwicklungstendenzen sein. Sollte es gelingen den Antikapitalismus zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu machen, bietet dies vielleicht auch die Chance konstruktive Alternativtheorien zu entwickeln und zu diskutieren.


12 Antworten auf „Die natürlichen Grenzen des Kapitalismus; der Versuch einer Bestandsaufnahme“


  1. 1 Frankie 11. Oktober 2011 um 16:43 Uhr

    Hier vielleicht einmal eine erste Annäherung an das überfällige Thema einer Systemkrise im Kontext der Finanzkrise, so warnte der scheidene EZB-Chef Trichet vor einer Krise von „systemischer Dimension“, die bereits von kleineren auf größere EU-Staaten übergesprungen ist. Weiter redet er von einer Staatsschuldenkrise, die globales Ausmaß erreicht habe.

    „Die Lage an den Märkten sei nicht nur in Europa angespannt. „Die hohe Schwankungsanfälligkeit an den Aktienmärkten zeigt, dass sich die Spannungen weltweit über die Kapitalmärkte ausgebreitet haben.“ Die stark vernetzte Finanzbranche in Europa kämpfe mit Ansteckungsrisiken. Diese bedrohten die Finanzstabilität in der EU als Ganzes und beeinträchtigten die Realwirtschaft in Europa und darüber hinaus.“

    Hier wird auch die von mir angemahnte Komplexität und der damit verbundene Einflussschwund zugegeben. Der Vorsitzende Euro Gruppe Juncker räumt dann auch Fehler ein nicht schnell genug gehandelt zu haben.

    „Die politische Führung in der Krise sei „nicht optimal“ gewesen, sagte der Chef der Euro-Gruppe. „Wir waren nicht schnell genug“, räumte er ein. Die Finanzmärkte könnten einfach rascher reagieren.“

    Wirtschaftspolitische Maßnahmen, wie Konjunkturpakete zu Stärkung des Vertrauens müssen eben zeitnah umgesetzt werden, doch ist eben m.M.n. der Zug längst abgefahren zu glauben man könnte auf alle Marktentwicklungen sofort und richtig reagieren.

    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/eurokrise156.html

  2. 2 Ilja 13. Oktober 2011 um 14:54 Uhr

    Meiner Überzeugung nach ist dies keine Krise der freien Marktwirtschaft, denn eine solche haben wir gar nicht, sondern lediglich eine Krise des heutigen staatsmonopolistischen Systems.

    Und von libertärer Seite gibt es hier eine recht einfache Lösung: Nämlich die Aufhebung des Währungsmonopols der Staaten, die Zulassung privater Währungen. Denn es sind nicht die Märkte, die hier versagen, sondern die Staaten und ihre Wirtschaftspolitik.

    Was kommt als Lösungsvorschlag hingegen von der Linken? Doch nur ein „noch mehr Staat“, als hätte man überhaupt nichts gelernt.

    Befürworter der Freiheit haben sich lange genug von neoliberaler Rhetorik hereinlegen lassen, genau wie Linke sich zu sehr vom Antikapitalismus übertölpeln lässt. Dabei sehe ich viel eher einen gemeinsamen Feind: Das Bündnis großer Monopole mit dem Staat, die beide ein und dasselbe wollen – weniger Freiheit und mehr Staat.

    Und ich frage mich – und dies ist auch der Grund, überhaupt hier was zu schreiben – ob sich nicht auch auf linker Seite Leute finden könnten, die weniger, nicht mehr, Staat wollen.

  3. 3 Frankie 15. Oktober 2011 um 11:36 Uhr

    Ich persönlich kann mich mit dem Gedanken weniger statt mehr Staat erstmal sehr gut anfreunden, schließlich ist mein Vertrauen in Staaten sowie die Abgabe von Entscheidungskompetenz an denjenigen alles andere als glücklich.

    So komme ich auch noch mit bezüglich der staatlichen Währungsmonopole. Hier wird dezedierte Wirtschaftspolitik durch die verschiedenen Zentralbanken betrieben, welche den Markt grundlegend beeinflussen bzw. gestalten soll. Ein Konzept mit privaten Währungen könnte diese staatliche Monopolstellung dann aufbrechen, soweit glaube ich sie verstanden zu haben, also in gewisser Weise das Gegenteil vom Euro (eine große Währung statt vieler verschiedener kleinerer Währungen).

    Was mir bei dieser Idee dann doch missfällt (neben der Umsetzungsfrage) ist die Ausgeliefertheit auf die Märkte. Sie sagen es ist derzeit keine Krise der freien Marktwirtschaft, sondern des staatsmonopolistischen Systems. Da würde ich ihnen nicht grundlegend widersprechen, allerdings sehe ich die Vorstellung der freien Marktwirtschaft als eine ähnliche Utopievorstellung an, wie den Kommunismus. Die sich gerecht regelnden Marktprinzipien basieren auf der Voraussetzung des chancengleichen Marktzuganges. Dieser ist in allen heutigen Gesellschaften eine absolut unrealistische Vorstellung, da anhand komplexer Millieuzugehörigkeiten die Qualitäten des Martzuganges sich genuin unterscheiden.

    Was ich damit sagen will ist, dass mit der Einführung von privaten Währungen -ich nehme jetzt mal an es wäre eine enorme Steigerung der Anzahl an Währungen die Folge- sich der Markt unbeeinflussbar(er) entwickeln würde, da aber seine Funktionsfähigkeit in seiner elementarsten Voraussetzung bereits fehlerhaft ist, würde diese Entwicklung m.M.n. zur Verstärkung von Ungerechtigkeiten führen. Ein plakatives Beispiel wäre, dass in einem solchen Szenario (bereits bestehende) internationale Großunternehmen anhand ihrer eigenen Währungen ihre Stellung in der Hierarchie der Märkte weiter auf Kosten Dritter ausbauen könnten. Profitieren würden erneut und wahrscheinlich noch ausgeprägter eh schon bereits in ihrer Ausgangsposition begünstigte Marktteilnehmer.

    Genau solche Marktteilnehmer waren es ja dann auch letzendlich, die unter den Prämissen der Gier und Maßlosigkeit den (privaten) amerikanischen Imobilienmarkt geschröpft haben und die Gefahr solcher Akteure auf einem um private Währungen erweiterten Geldmarkt sehe ich eben auch. Das Problem bleibt das System Kapitalismus an sich, da es ungerechte (ökonomische) Hierarchiestellungen konserviert, was eben u.a. an der unzureichenden Erfüllung seiner eigenen Voraussetzung liegt. Daher gibt es meiner Meinung nach keine ernsthafte Alternative zur Korrektur durch die Staaten (oder anderen entsprechenden Instanzen oder Institutionen) und eine fortschreitende Kapitalisierung -so verstehe ich ihren Vorschlag der privaten Währungen- kann in diesem Sinne keine Antwort sein; auf diese Weise wäre mit Sicherheit die Krise des Euroraumes zu verhindern gewesen, doch bin ich davon überzeugt, dass die Hingabe zum fehlerhaften System zu einem anderen Kollaps führen müsste, ob der dann ökonomisch (wie aktuell zu sehen ist) oder sozial* (im Sinne von nicht mehr einzudämmenden sozialen Konflikten geschürt durch etablierte sozialstrukturelle Ungerechtigkeiten) ist finde ich eigentlich zweitrangig.

    *Hier könnte eine ernsthafte soziale Marktwirtschaft zumindest mittelfristig entschärfen

  4. 4 Ilja 18. Oktober 2011 um 11:00 Uhr

    Eine Chancengleichheit als Voraussetzung für einen Markt sehe ich nicht. Ein Markt nötigt auch nicht zum Konsum oder so – er bietet dem Hippie seine Sandalen, T-Shirt und Haft ebenso wie dem Geldprotz seinen Ferrari. Andererseits ist es gerade der Markt, der in vielem Chancengleichheit ermöglicht – den Händler interessiert nicht, was der Käufer sonst so macht, welcher Rasse, Nation, Geschlecht oder sexuelle Orientierung der Kunde hat, ihn interessiert lediglich ob er zahlt. Und auch der freie Arbeitsmarkt bietet Chancengleichheit – das Einzige, was interessiert, ist, ob man den gewünschten Job auch tun kann, und wieviel Lohn man fordert.

    Außerdem glaube ich nicht, dass die Firmen in der Anarchie größer würden, eher im Gegenteil. Die Gründe dafür habe ich auf
    libertarian.blogsport.de/2011/10/16/muss-man-angst-vor-monopolen-haben/ dargelegt.

  5. 5 Frankie 18. Oktober 2011 um 12:01 Uhr

    Der Markt reproduziert Chancenungleichheiten, was am deutlichsten durch die verschiedenen Ausgangspositionen der sozialen Millieus deutlich wird. So ist es in einem Marktkonstrukt eben unwahrscheinlich bis unmöglich wenn eine Person aus bildungsschwachen und einkommensschwachen Umfeld kommt. Eltern, die weder Freizeit noch die bildungstechnischen Ressourcen (also auch die Vermittlung von Motivation) besitzen, werden tendenziell nicht in der Lage sein ihre Kinder in der Hinsicht zu prägen, dass sie sich aus einem „niedrigeren“ sozialen Umfeld befreien können. Während einkommensstarke Akademiker natürlich in der Lage sein werden ihre Kinder in die Sphären wertvolleren Humankapitals zu bringen.

    Die Schieflage gesellschaftlicher Ungleichheit wird vom Markt nicht durchbrochen, sondern eben reproduziert, was zu einer Elite und zu verschiedenen Unter- und Mittelschichten führt. Insofern kann eine Marktwirtschaft nur Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bedienen solange keine Chancengleichheit gegeben ist. Diese Chancengleichheit ist natürlich eine gesellschaftliche Utopie, doch muss es eben die Aufgabe des Staates sein, diese aufzufangen und weitestgehend zu korrigieren. Das plakativste Beispiel ist ja eben, bei einer vollständig deregulierten Marktwirtschaft (also völlig ohne Staat), die Chancenlosigkeit von z.B. Behinderten, die aufgrund biologischen Nachteils auf dem Arbeitsmarkt ohne Chance wären. In abgeschwächter Form ist dieses Beispiel dann eben auf die Sozialstrukturen der Unterschichten zu übertragen.

    „den Händler interessiert nicht, was der Käufer sonst so macht, welcher Rasse, Nation, Geschlecht oder sexuelle Orientierung der Kunde hat, ihn interessiert lediglich ob er zahlt.“

    Diese Aussage negiert eben auch den Fakt gesellschaftlicher Diskriminierung. Auch wenn die Feminismusbewegung die Ungleichheit durchaus für eine angleichende Tendenz gesorgt hat, haben Frauen eben aufgrund ihres Geschlechtes weiterhin geringere Chancen Arbeit in Führungspositionen zu erlangen bzw. sie bekommen noch oft weniger Lohn bei gleicher Qualität von Arbeit. Dabei muss dann auch erwähnt werden, dass es genug marktwirtschaftliche Nationen gibt, welche das Patriachat noch wesentlich weniger aufgebrochen haben. So ist eben auch die Herkunft oder sexuelle Ausrichtung weiterhin ein Grund für gesellschaftliche Diskriminierung, die sich eben u.a. in den Chancen am Arbeitsmarkt niederschlägt. Selbst wenn wir annehmen, dass den Verkäufer es nicht interessiere wer seine Dienstleistung/Waren kauft (was ich bereits bezweifeln würde), den Käufer interessiert es sehr wohl was für einen Verkäufer es ist. So sind ja z.B. auch in der aktuellen Zeit Boykottaufforderungen gegenüber israelischen Waren bzw. jüdischen Verkäufer vorgekommen ( http://www.taz.de/1/archiv/?id=archivseite&dig=2002/04/18/a0083 ), rassistische und antisemitische Diskriminierung kann also auch in der Ökonomie nicht ignoriert werden und führt natürlich zu Ungleichheiten im Markt aufgrund von Rasse und Herkunft.

    Der Markt mag in seinem theoretischen Rahmen keine Unterschiede seiner Akteure kennen, die Akteure selber haben allerdings unterschiedliche Präferenzen, die nicht allein auf die Prämissen eines Homo Oeconomicus zurück gehen, sondern u.a. auf historisch und gesellschaftlich gewachsene Vorurteile. Anti-Diskriminierungsgesetze von Staaten sind dann die rahmengebende Antwort auch für die Marktwirtschaft. Die reale und vollständige Überwindung gesellschaftlicher Diskriminierung (weltweit) ist dann m.E.n. leider ebenso in den Rahmen einer Utopie zu verbannen.

    Nicht umsonst wird von vielen Theorievertretern des Liberalismus ein Minimum an Staat als Rahmen für die Marktwirtschaft als notwendig erachtet. Seien es die Durchsetzung von bürgerlichen Freiheiten oder auch die Verfolgung von Straftaten (Betrug, Diebstahl etc.), da der Markt sonst verzerrt werden würde. So muss auch den sich entwickelten gesellschaftlichen Ungleihheiten im ökonomischen System dementsprechend gegenüber getreten werden.

    Um den Bogen zum Thema der Krise zu spannen. Sind diese gegebene gesellschaftliche soziale und okönomische Heterogenität in einer deregulierten Marktwirtschaft nicht aufzufangen. Das heißt, dass es mindestens zu sozialen Konflikten in einem kapitalistischen System kommen muss, gerade weil die demographische Entwicklung die sozialschwachen und chancenlosen Akteure zu einer Mehrheit entwickelt (hat). Die aktuelle Krise ist nun kein sozialer, sondern eher ökonomischer Konflikt, der durch Maßlosigkeit und Gier von elitären Akteuren vorangetrieben wurde und der durch einen deregulierten Rahmen möglich gemacht und forciert wurde.

    Es mag dann ökonomische, nicht-staatliche Möglichkeiten geben diese Eliten durch das Aufbrechen von auch in der Theorie ungewollten Monopolen ihres Einflusses zu entkräften und somit die Entstehung einer solchen Krise entgegenzuwirken, doch wenn dies mit der Entmachtung der Staaten auf den ökonomischen Prozess einhergehen muss; das Ziel also ein unbeeinflusster Markt sein soll, wirkt die eben nicht als Voraussetzung vorhandene Chancengleicheit überproportionell direkter, schneller und intensiver, was auf kurz oder lang elementare soziale Konflikte zur Folge haben würde. Deshalb kann m.M.n. die Antwort auf die Krise keine fortschreitende Kapitalisierung im Verbund mit einer Entstaatlichung die Antwort sein.

  6. 6 Ilja 18. Oktober 2011 um 20:12 Uhr

    Ein freier Markt ist natürlich nichts, was als solches Probleme wie Vorurteile löst. Es ist lediglich ein weitaus kleineres Übel, wenn 51% der Leute die Minderheit X boykottieren, als wenn dieselben 51% Gesetze erlassen um diese Minderheit einzusperren.

    Minderheiten leiden jedenfalls weitaus mehr unter Demokratien als unter freien Märkten. Oft genug sind sogar gut gemeinte Maßnahmen zu ihrem „Schutz“ fatal für sie, wie z.B. Kündigungsschutz, der dazu führt, dass sie gar nicht erst eingestellt werden.

    Für die Theorie, freie Märkte würden zu wachsender Ungleichheit führen, sehe ich keine sachliche Grundlage. Gerade auch durch fehlendes Copyright und Patentrecht stände jede wissenschaftliche Entdeckung allen kostenlos zur Verfügung. Was heute mit Hart IV finanzierbar ist, war vor ein paar Jahren absoluter Luxus (Laptop, Internet, Handy).

    Und es sind vor allem Staaten, die Bildung undurchlässig machen und Wert auf formale Abschlüsse legen, während Firmen eher darauf sehen, was die Leute können.

  7. 7 Frankie 19. Oktober 2011 um 14:10 Uhr

    Minderheiten leiden jedenfalls weitaus mehr unter Demokratien als unter freien Märkten.

    Das möchte ich dann aber doch erläutert haben inwiefern Demokratien Minderheiten mehr leiden lassen. Nehmen wie die Verfassung der Demokratie BRD, die zumindest in der Theorie keine Minderheiten kennt und anhand z.b. des Gleichheitsartikels 3 GG eben genau gegen die Ungleichbehandlungen von Minderheiten ausspricht. Das Antidiskriminierungsgesetz ist dann eine entsprechende Erweiterung bezüglich dessen Arbeitgeber selektives Verhalten hinsichtlich Minderheiten überdenken müssen. Das dies in der Praxis nicht vollständig umgesetzt wird ist zugestanden, aber die demokratische Grundlage ist pro Minderheiten.

    Für die Theorie, freie Märkte würden zu wachsender Ungleichheit führen, sehe ich keine sachliche Grundlage.

    Die sachliche Grundlage ist wie erläutert die Verfestigung der heterogenen Strukturen der Gesellschaft im ökonomischen Prozess. Befassen sie sich mal mit der Milieutheorie. Sie wollen doch nicht allen ernstes behaupten alle Menschen in einer Gesellschaft haben die gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In ein gewisses Milieu hineingeboren zu werden bedeutet eben einen vorgezeichneten Weg zu haben. Dazu kommt eben die Diskriminierung, die sich im ökonomischen Prozess direkt durch verminderten Wohlstand äußert. Dies mag keine ökonomische, sondern soziale und gesellschaftliche Grundlage für wachsende Ungleichheiten sein, damit ist es aber noch lange keine unsachliche Grundlage, schließlich lassen sich die Märkte eben nicht autark betrachten, wie es leider zu oft in den Wirtschaftswissenschaften der Fall ist, daher ist sie aber eben auch nicht in der Lage prognosefähig zu sein.

    Wenn Bildung nun durch die Märkte bereit gestellt werden soll, ist doch klar, dass sich die Reichen die bessere Bildung leisten können würden und somit die Schieflage innerhalb der Gesellschaft noch weiter kippen würde. In Gesellschaften existieren nunmal Privilegien, die sich historisch manifestiert haben, diese werden automatisch von Märkten abgebildet und sozusagen entlohnt, doch ist dies natürlich ein Phänomen struktureller Ungerechtigkeit, da das Kind aus armen und bildungsfernen Hause und Umfeld diese Situation aber nicht selbst verschuldet hat, aber eben andererseits kaum eine Möglichkeit hat diesem Szenario zu entgehen und dann wiederum seine Kinder einem ähnlichen Schicksal auszusetzen, daher ist es doch ganz klar und auch sachlich logisch, dass unbeeinflusste Märkte diese Mißstände reproduzieren.

    Gerade auch durch fehlendes Copyright und Patentrecht stände jede wissenschaftliche Entdeckung allen kostenlos zur Verfügung.

    Das klingt ja schön und ich bin auch ein Anhänger der Open Source und Open Access Gedanken, doch gibt es hier dann aus einem kapitalistischen Verständnis auch Gegenwind, den ich aber nur bedingt teile.

    http://www.tagesschau.de/inland/embryonalestammzellen100.html

  8. 8 Ilja 19. Oktober 2011 um 16:30 Uhr

    Nehmen Sie einfach mal die Minderheit der Cannabiskonsumenten. Muss ich noch erläuern, dass sie ohne Staat weitaus weniger Probleme hätte?

    Auf die Frage der Bildung einzugehen wird einfach zu komplex, ich beschränke mich daher darauf, festzustellen, dass ich nicht überzeugt bin. Dies hat auch damit zu tun, dass ich Staatsschule und Bildung für sehr verschiedene Sachen halte.

    Was „kapitalistischen“ Gegenwind in Bezug auf Patentrecht betrifft, so sollten Sie auf keinen Fall neoliberale, pro-staatliche Propaganda von Großkonzernen mit libertären Ansichten zu freien Märkten verwechseln. Großkonzerne haben in Demokratien den größten Einfluss auf die Staatsmacht und können ihnen genehme Gesetze durchsetzen, die den freien Markt (und damit ihre Konkurrenz) einschränken. Genau das geschieht beim Patentrecht. Ich empfehle als Lektüre „Against Intellectual Monopoly“ von Michele Boldrin and David K. Levine

  9. 9 Frankie 20. Oktober 2011 um 14:26 Uhr

    Zeigt der staatliche Umgang mit Cannabis ernsthaft, dass ohne den Staat mehr Gerechtigkeit vorhanden wäre? Ich gebe ihnen in diesem Beispiel völlig Recht, ich sehe keinen Sinn im Verbot von Cannabis bei gleichzeitiger Erlaubnis von Alkohol. Doch müsste ihr Gedanke ja dann auch weiter gesponnen ebenso für Crack und Heroin gelten und sicherlich wiegt die (Konsum)Diskriminierung gegenüber Cannabisverbrauchern nicht die Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen, Juden u.a. auf, die eben durch Gesetz genau wie der Verkauf von Cannabis verboten ist, so dass es faktisch Diskriminierten möglich ist ihr (Menschen)Recht einzuklagen und die Folge eben keine komplette Hilflosigkeit ist, die ohne diesen staatlichen Rahmen definitiv gegeben wäre.

    Die Frage aber ist doch eigentlich, ob die korrigierenden Staatsaktivitäten mehr Ungerechtigkeiten schaffen oder ob die etablierten gesellschaftlichen Ungerechtigekeiten, die vom ökonomischen Prozess in Armut und Perspektivlosigkeit abgebildet werden, entschärft werden. In dieser Hinsicht bin ich davon überzeugt, dass über Verteilungsmechanismen und Anti-diskriminierungspolitik die sich in den Gesellschaften manifestierten Ungerechtigekeiten zumindest teilweise aufgefangen werden können und im Umkehrschluss eine vollständige Deregulierung der Märkte diese Ungerechtigkeiten nicht nur nicht auffangen würde, sondern noch im Sinne einer Erweiterung von ökonomischen und sozialen Elite verstärken würde. So sind es doch letztendlich die bereits Reichen und Einflussreichen, die primär von deregulierten Märkten profitieren. Arme, bildungsferne und (sozial) isolierte Menschen können gerade so durch Staatsaktivitäten aufgefangen werden (auch beim besten Willen nicht alle) und würden ohne diese auf freien Märkten ohne Chance verbleiben und wären gezwungen sich ihrer Armut zu ergeben.

    Verstehen sie mich aber bitte nicht falsch. Ich bin kein Befürworter sich der Willkür des Staates aussetzen zu wollen oder zu müssen. So ist der Rechtsstaat als Rahmenbedingung in Deutschland zwar durchaus lobenswert, doch sind alle drei Gewalten in Deutschland allzuoft massivst zu kritisieren. So ist der Asylkompromiss von 1992 mit der Folge des Art. 16a GG von der Legislative als Reaktion auf Ausländerfeindlichkeit und sukzessiv die deutsche Rechtslage bezüglich Aufenthaltsgesetz, Asylbewerberleistungsgesetz etc. als nichts anderes als menschenrechtswidrig einzustufen. Der Umgang mit staatskritischen Protest wird nur allzuoft kriminalisiert und repressiv eingeschüchtert und dies z.T. mit verfassungswidrigen Maßnahmen. Es bleibt trotzdem Aufgabe einer kritischen Zivilgesellschaft diese politischen Missstände zu identifizieren und Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, damit die parlamentarische Ebene eben nicht zu dieser Willkür in der Lage ist. Dies gilt auch für die Entscheidungen des Staates bezüglich der Ökonomie. Die Kontrolle oder einen Einfluss auf die Märkte allerdings völlig abzuschaffen oder auf ein Minimum zu reduzieren kann m.A.n. nur zu einer ökonomischen Oligarchie führen in der letztendlich nicht Marktprinzipien regeln, sondern eine Elite von Reichen auf die auch durch eine Zivilgesellschaft keinerlei Einfluss mehr möglich wäre, da diese eben auch niemanden als sich selbst verantwortlich wären. Staatliche Regulierung ist also aus meiner Perspektive das geringere Übel solange es keine konstruktive Alternative zur Marktwirtschaft gibt.

  10. 10 Ilja 20. Oktober 2011 um 16:53 Uhr

    Nun, die Diskriminierungen gegen Schwule und Frauen, die der Markt mit sich bringt, halte ich nun einmal für relativ harmlos. Im Gegenteil, oft sogar für nützlich. Denn was hat ein Schwuler davon, wenn er eine Arbeit in einer Firma voller Homophober kriegt? Er würde sicherlich bald kündigen. Da ist doch besser, er wird gleich bei der Jobsuche diskriminiert.

    Wichtiger noch: Auch kleine Minderheiten können auf einem freien Markt zurückdiskriminieren, eigene Communities bilden, wo sie nicht von Normalos gestört werden.

    Ansonsten gibt es überall dort, wo kein Staat soziale Umverteilung macht, private Netzwerke, meist auf Großfamilienbasis, die soziale Sicherheit geben.

    Was definitiv nicht stimmt, ist, dass die Reichen nicht vom Staat profitieren. Sie profitieren sogar sehr stark. Siehe meine neuesten Beiträge auf meinem Blog http://libertarian.blogsport.de. Gerade das Patentrecht ist eine Einladung für große Firmen zum Missbrauch staatlicher Macht.

    Es sind ja immer nur große Firmen, die sich Lobbies leisten können, um für sie günstige Gesetze zu bekommen, und nur große Firmen, die von unverhältnismäßiger Kontrollbürokratie profitieren (genauer im Vergleich zur Konkurrenz dadurch am wenigsten verlieren).

    Die Hoffnung, daran etwas ändern zu können, solltest du aufgeben, denn die Gesetzgebung findet auf einem recht perversen politischen Markt statt, dessen ökonomische Gesetze nun einmal so sind, dass die großen Firmen allein schon durch die Größe einen erheblichen Vorteil haben, den sie auf dem freien Markt gar nicht haben.

  11. 11 Frankie 20. Oktober 2011 um 19:00 Uhr

    Nun, die Diskriminierungen gegen Schwule und Frauen, die der Markt mit sich bringt, halte ich nun einmal für relativ harmlos. Im Gegenteil, oft sogar für nützlich. Denn was hat ein Schwuler davon, wenn er eine Arbeit in einer Firma voller Homophober kriegt? Er würde sicherlich bald kündigen. Da ist doch besser, er wird gleich bei der Jobsuche diskriminiert.

    Wichtiger noch: Auch kleine Minderheiten können auf einem freien Markt zurückdiskriminieren, eigene Communities bilden, wo sie nicht von Normalos gestört werden.

    Ihnen ist schon klar, dass mit solchen Aussagen die Reproduktion und Verfestigung von Diskriminierung und Ungleichbehandlung vertreten, oder? Hier wird der Täter, also die Person die diskriminiert seiner Verantwortung enthoben und das Opfer in die Verantwortung genommen sich einen seiner Lebensweise passenden Job zu suchen, außerhalb des „Normalen“. Das nennt man Täter-Opfer-Umkehr und ist eine Relativierung in diesem Fall der Homophobie. Ganz nebenbei bringt natürlich nicht der Markt diese Diskriminierung, sondern die Gesellschaft. Allerdings wird dies vom Markt dann in faktisch ökonomische Nachteile übersetzt.

    Ansonsten gibt es überall dort, wo kein Staat soziale Umverteilung macht, private Netzwerke, meist auf Großfamilienbasis, die soziale Sicherheit geben.

    Da fehlt mir die sachliche Grundlage, gerade in der heutzutage anonymisierten Gesellschaft und unter dem Vorbehalt sozialer Isolation gerade bei sozialökonomisch schwachen Menschen.

    Und das große Firmen auf einem freien Markt keine erheblichen Vorteile hätten, wage ich ich auch stark zu bezweifeln, wobei ich ihnen in Bezug auf den Lobbyismus natürlich zustimmen muss. Meine Hauptaussage zielte aber dennoch auf die nicht korrigierbaren Ungerechtigkeiten eines vollständig deregulierten Marktes ab.

  12. 12 Ilja 21. Oktober 2011 um 22:34 Uhr

    Ich sehe freie Märkte ja auch nicht als ideale Gesellschaft – eine solche steht uns nur leider nicht zur Verfügung, und freie Märkte sind gewissermaßen das kleinste Übel.

    Was Diskriminierung betrifft, so sehe ich nun einmal folgendes Dilemma: Entweder der Mensch ist frei, dann kann er seinen Umgang frei wählen, insbesondere auch von seinem eigenen Umgang ausschließen wen er will, also diskriminieren. Oder eben nicht. Man mag Diskriminierung schlecht finden, nur ist sie im Vergleich zur Unfreiheit das kleinere Übel.

    Die heutige anonymisierte Gesellschaft, und damit die Zerstörung alternativer Sozialsysteme, ist ja auch Folge der staatlichen Zwangssozialsysteme.

    Die Ungerechtigkeiten des freien Marktes kann vielleicht ein idealer guter Diktator beseitigen, den gibt es aber nur im Märchen und in der Propaganda. In einer Demokratie gibt es hingegen auch einen politischen Markt, und dieser zeigt noch viel mehr Marktversagen als der reale Markt. Wer Angst vor Märkten hat, weil die nicht kontrollierbar sind, sollte vor diesem politischen Markt noch viel mehr Angst haben. Zu hoffen, dass eine „demokratische Kontrolle“ irgendetwas korrigieren würde halte ich daher einfach nur für naiv.

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