Archiv für Oktober 2011

Oh Lord, give a f*****g answer!

Parlamentarische Demokratie oder Casting Show?

Auch in Deutschland ist zumindest gefühlt die fortschreitende Personalisierung von Wahlkämpfen zu spüren und gleichzeitig die Abkehr von Inhalten in der Öffentlichkeit zu beobachten. Gibt es keine „brennenden“ Themen, wie zuletzt ein Bahnhof oder die Frage der Kernenergie, wird versucht über lächelnde Gesichter und Bären die Wahlbevölkerung auf seine Seite zu kriegen. Grundlegende politische Fragen werden in der Öffentlichkeit durch die parlamentarischen Vertreter meist gemieden, entweder weil sie unbequem sind oder zur notwendigen Transparenz die nötige Überstzungskompetenz zu fehlen scheint, wie es vor allem Dingen bezüglich des ökonomischen Ressorts immer wieder auffällt.

Hier wird Wirtschaftskompetenz zu einem Schlagwort, welches auch nicht über die Qualität eines solchen hinaus geht. So wird traditionell den Konservativen die wirtschaftliche Kompetenz zugesprochen und dabei bleibt es dann irgendwie auch. Die Grünen haben in diesem Punkt durch die erneuerbaren Energien zwar Fortschritte im allgemeinenen Meinungsbild erzielt, doch wird Wirtschaftskompetenz aus der Perspektive der Ottonormalverbraucher wohl immer ein in der Konservative anzusiedelndes Aushängeschild bleiben. Gerade in Zeiten, wo auch in der Ökonomie neue und progressive Ansätze immer notwendiger zu werden scheinen könnte sich das Festhalten an traditionellen Denken als falsch herausstellen.

Dabei fehlen aber auch außerhalb des konservativen Lagers klare Standpunkte. Hier und da sind in der Tradition der Parteien sich wiederholende Kernthemen zu finden, aber welche Partei zieht denn schon mit ihrem Parteiprogramm oder auch nur dem Wahlprogramm in den Wahlkampf? Sicherlich steht den BürgerInnen diese dröge Liste an vermeintlichen Standpunkte zur Verfügung, aber wer liest diese denn schon freiwillig? Die Wenigsten und in gewisser Weise auch zu Recht, denn das Profil im groben ist irgendwie auch jeder bekannt und die Positionierung zu einzelnen Themen sollte die Koalitionsverhandlungen dann auch erstmal überstehen. Inhalte nach Außen zu kehren und mit Themen einen (Wahl)Kampf zu führen, der sonst nur aus dem Fundus sozialer Bewegungen zu schöpfen ist, bleibt in der Zivilgesellschaft verhaftet. Dem (modernen) Parlamentarier geht es darum nicht angreifbar zu sein bzw. zu werden und kurzfristig, eben bis zur Schließung der Wahlkabinen, gegenüber dem Wähler Vertrauensgefühle zu wecken; Konzepte langfristiger Politikgestaltung haben sich unter dem Joch der Realpolitik längst verabschiedet.

Bei all dieser Profil- und Positionslosigkeit, eindrucksvoll durch die Kanzlerin der letzten Jahre demonstriert, ist der Unmut über die Funktionsweise der parlamentarischen Demokratie, u.a. anhand der Wutbürgerinitiativen zu beobachten, mehr als verständlich. Auch wenn einigen dabei ein Mangel an Realitätsverständnis* zu attestieren ist, bleibt dies eine Entwicklung hin zu demokratischerem Verständnis und auch Handeln sowie der schleichenden Erkenntnis das Demokratie auch zwischen den Wahlen stattfindet, nämlich im Rahmen einer problemidentifizierenden Zivilgesellschaft.

Interessant wird hierbei, ob die PolitikerInnen ihren Kurs beibehalten werden und auch in Zukunft den Wahlkampf nur als Bühne der personalisierten Selbstdarstellung fernab von Inhalten benutzen werden oder ob die neuerlichen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen erkannt und ernst genommen werden. So ist der Erfolg der Berliner Piraten sicherlich als Erfolg von Profil und Position zu werten und die frühe Niederlage von Frau Künast eben gegenteilig. An dieser Stelle hatte es die FDP zwar mit anti-europäischen Inhalten versucht, doch scheint die Aufmerksamkeit für populistische Verzweiflung zumindest bei der vergangenen Berlinwahl auszureichen (bei der letzten Bundestagswahl war davon wenig zu sehen).

Zu welchen populistischen Niederungen die Personalisierung von Wahlkämpfen führen kann, ist in den USA seit Jahren zu beobachten, die in puncto Inszenierung ihrer Kandidaten wahrscheinlich eine einmalige Vorreiterrolle, ab von selbstdarstellenden Diktatoren, inne haben. Wenn der nachfolgende Wahlwerbespot des möglichen republikanischen Gegenkandidatens Rick Perry die Spitze des personalisierten Wahlkampfes abbilden sollte, kann man nur hoffen, dass die Entwicklung zur Abkehr von Inhalten nicht auch noch die Diffamierung des Gegners übernimmt.

*Das Schicksal dieses Mannes durch Polizeigewalt soll hier nicht relativiert werden, doch die Aussage „Er sehe im 30. September 2010 eines der schlimmsten Verbrechen, „das der gesamtdeutsche Staat nach dem Zweiten Weltkrieg begangen hat“.“ ist eine Relativierung aller Opfer des deutschen Staates, ob nun die unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen im Allgemeinen oder insbesondere in Abschiebeknästen, die zahlreichen Opfer der willkürlichen Polizeigewalt (Herr Wagner ist nicht der erste Demonstrant, dem der Wasserwerfer das Augenlicht löscht), die Opfer die letztendlich auf die Kosten der deutschen Rüstungspolitik gehen, die zivilen Opfer der Kriegseinsätze im Kosovo oder in Afghanistan oder eben diejenigen Menschen, die durch das ökonomische Handeln Deutschlands in ihrem Elend verbleiben müssen. Die Folge eines solchen Ereignis kann und soll auch eine angebrachte Wut sein, doch sollte diese zu Sensibilität gegenüber anderen Ungerechtigkeiten und der entsprechenden Solidarität führen und nicht zu einer märtyrerischen Selbstdarstellung.

Ein Stück Musikgeschichte

Wynton Marsalis hat es schon getan und Eric Clapton auch. Beide Künstler haben sich ihren Platz in den Annalen der Musikhistorie erspielt. Nun war die Zeit gekommen sich zusammen zu tun und der Auflistung der zeitlosen musikalischen Unterhaltung ein neuen Teil hinzuzufügen. In Kollaboration dieser beiden Virtuosen mit Mitgliedern des „Jazz at Lincoln Center Orchestra“ gelingt ihnen das spielerisch. Das Album mit dem autoexplorativen Namen „Wynton Marsalis and Eric Clapton play the blues“ setzt sich aus Mitschnitten von Konzerten zusammen, die zwischen dem 7. und 9 April diesen Jahres in der ehrwürdigen Frederick P. Rose Hall im Lincoln Center, New York gespielt wurden.
Beide Musiker hatten schon ihre Erfahrung im Duett mit Legenden gesammelt. „Riding with the King“ von Clapton und B.B. King kann getrost als Maß aller Dinge im Blues Genre bezeichnet werden. „Two Men with the Blues“, das Duett-Album von Willie Nelson und Wynton Marsalis ist wahrscheinlich das meist gehörte Jazz Album der letzten 2 1/2 Jahre. Die Leichtigkeit mit der der Jazzvirtuose Marsalis und der Countrysänger Willie Neslon harmonieren, zeugt von einer tiefen inneren Verbundenheit der Musik gegenüber.
Nun wurde der nächste Schritt erreicht. Marsalis stellte eine Band zusammen die sich wie das who´s who des Jazz liest Dan Nimmer (piano), Carlos Henriquez (bass), Ali Jackson (drums), Marcus Printup (trumpet), Victor Goines (clarinet), Chris Crenshaw (trombone, vocals), Don Vappie (banjo) und Chris Stainton (keyboard) bieten ihr ganzes Können auf und stehen den beiden Protagonisten in nichts nach.
Die Songauswahl traf Eric Clapton (bis auf „Layla“, dieses Stück wurde auf Wunsch von Carlos Henriquez ausgewählt. Niemals vorher gab es eine schönere Version von „Layla“.). Angefangen bei Louis Armstrongs „Ice Cream“ über W.C. Handys „Joe Turners Blues“ bis zu „Careless Love“ wirkt die Setlist wie ein Spaziergang durch die Musikgeschichte und zeugt von Claptons Kenntnis und Liebe zur Musik die weit über den Blues hinausreicht. Sie reicht von den zwanziger Jahren, die goldenen Zeiten des New Orleans Jazz, des Boogie Woogies über den immer schon im Zentrum mitschwingenden Blues bis zu Swing, Rock und Rythm and Blues. Jedes dieser Stücke ist ein Teil dessen, ohne das die heutige Musik nicht ansatzweise denkbar wäre. Das musikalische Arrangement dieser Stücke hat Wynton Marsalis übernommen. In beeindruckender Art und Weise schafft er es diesen Oeuvren gleichermaßen die herzerfrischende Leichtigkeit des kreolischen Jazz als auch die gedankenverlorene Schwere des Blues zu verleihen. Noch niemals klang eine Jazz´n Blues Platte so anmutig und erfrischend zugleich.
Ein besonderes Highlight hält das Ende der Platte bereit. In dem besten Song („just a closer walk“) auf dem Album überrascht Taj Mahal mit einem Gastaufrtitt. Zum Abschluss überschlagen sich die drei Titanen noch einmal in einer atemberaubenden Interpretation von „Corinne, Corinna“.