Haben wir den Glauben verloren?

Linker Protest, linke Meinungsäußerung kann soviel Emotionalität, Verzweiflung, Frustration, aber auch Kampfeswillen, gerade aus den genannten Gründen in sich tragen.

Auf einer Verantaltung in der vergangenen Woche sprachen tunesische Aktivisten über ihre Revolution gegen die Diktatur Ben-Alis, aber auch gegen die darüber hinaus bestehenden kapitalistischen Zwänge und die damit verbundenen Grenzen und Ausbeutungen. Zum Ende der Veranstaltung antworteten sie auf die Frage, wie man sie unterstützen könnte, dass der Kampf gegen den Kapitalismus auch in Europa gefochten werden müsse, dass man sich vernetzen müsse um weltweit eine Revolution gegen die kapitalistischen Verhältnisse erreichen zu können.

An anderer Stelle im deutschen Alltag wiederum höre ich mich und andere über die Revolution witzeln, wann sie denn anfange oder ob sie schon läuft. Ein Sarkasmus der Frustration.

Ein paar Tage nach der Veranstaltung wurde mir bewusst, was mich von den Tunesiern trotz aller linksradikalen Übereinstimmungen grundlegend unterscheidet. Der Glaube an die Revolution.

Das heißt nicht, dass ich weniger von meinen Zielen überzeugt sein muss. Es heißt auch nicht, dass ich nicht die Utopie einer gerechteren Welt teile und diese für zu erreichen wichtig halte. Es heißt schlicht und ergreifend, dass ich einen Pessimismus in mir trage, der mich nicht an die grundlegende Änderung dieser Verhältnisse in absehbarem Zeitkontext glauben lässt.

Der Kampf gegen die rassistischen und sexistischen Normalzustände, gegen die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse ist von der Überzeugung utopischer Gerechtigkeit getragen, doch reicht dies zwar um seine Ziele zu definieren und daraus seinen Kampf zu begründen und zu legitimieren, aber aus meiner subjektiven Perspektive nicht um an die Revolution zu glauben, sondern lediglich als Grundlage zum konsequenten Widerstand im Rahmen zivilgesellschaftlichen Engagements.

Ist der Glaube an die Revolution denn so entscheidend, könnte man jetzt fragen. In gewisser Weise denke ich schon. Die Tunesier speisen ihren Glauben an ihre Demokratie in Tunesien aus der erfolgreichen Revolution gegen Ben-Ali und der Erinnerung ausgehend von der Strasse (in ihrem Fall der Quasbah) ungerechte Verhältnisse überwunden zu haben und auch in Zukunft auf diese Weise die weiter bestehenden und kommenden Ungerechtigkeiten bekämpfen zu wollen.

Dabei beeindruckt ihre Überzeugung nicht ideeller oder inhaltlicher Natur (die war trotz vieler verschiedener Voraussetzungen und Rahmenbedingungen überraschend gleich), sondern die Überzeugung etwas erreichen zu können; zu werden. Ich denke, dass dies ein augenscheinlicher Unterschied zu Teilen der deutschen, emanzipatorischen Linken sein könnte. Dabei scheint es keine Kaffeesatzleserei, betrachtet man die verschiedenen Facetten der Historie, dass überzeugter Glaube Energien freisetzen kann, die die letzten Konsequenzen möglich machen können. Bei allem Atheismus der mich definiert, bei allen Grausamkeiten die religiöse Glaubensbekenntnisse hinterlassen haben und noch heute produzieren, ist der Glaube als intensivste Form der Überzeugung sicherlich nicht per se ablehnenswert.

So ist es vielleicht auch für die radikale Linke am Ende eine Glaubensfrage. Der Glaube an die Revolution!


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