Der perfekte Totalitarismus

Totalitarismus wird definiert als eine Herrschaft, die eine totale Kontrolle über Gedanken, Meinungen und Handlungen der individuellen Bürger ausübt. Zwei Prototypen totalitaristischer Herrschaft waren der deutsche Faschismus und der Stalinismus der Sowjetunion. So ist Totalitarismus auch mit einem Personen- bzw. Führerkult verbunden. Hannah Arendt erweitert oder konkretisiert ihre Totalitarismusdefinition um das Element des Terrors sowie das Streben nach einem weltumfassenden Herrschaftsanspruch, welcher nationale Totalitarismen stets mit einer Herausforderung zwischen stillstehender Herrschaftssicherung und Aufbruch versieht.

Lösen wir nun aber den Totalitarismus von seiner Personenabhängigkeit und verklären ihn zu einem Prozess, wird erstaunlich auffällig, welche Parallelen sich zum Kapitalismus ergeben. So hat es wahrscheinlich kein anderes Herrschaftsgefüge geschafft eine derartige Kontrolle von Gedanken, Meinungen und Handlungen zu initiieren, wie der Kapitalismus.

Natürlich ist der Kapitalismus originär eine Wirtschaftsform. Doch prägt und kontrolliert diese Wirtschaftsform die demokratischen genauso wie die autoritären Herrschaftsgefüge. Nutzen ist der Kern dieser Ideologie. Menschen werden kategorisiert und privilegiert nach ihrem vermeintlichen ökonomischen Nutzen. Konkurrenz und der initiierte Glaube jeder habe dieselben Chancen, bestimmen unter der Vorgabe des gesamtgesellschaftlichen Leistungsdrucks das Handeln und Denken des kapitalistischen Bürgers. Dabei gibt es keine Möglichkeit sich diesem zu entziehen. Nur wenig Möglichkeiten sein Denken von diesen Prinzipien zu lösen. Das individuelle Leben wird durch Arbeit und Konsum bestimmt, sogar definiert. Die Wahlmöglichkeiten liegen innerhalb des Systems, ein Ausbruch aus dem System wird durch konsuminitiierte Bequemlichkeit und die kapitalistische Notwendigkeit von Geld so schwer wie möglich gemacht.

Ab von dieser menschlich individuellen Dimension, finden sich in den (nationalstaatlichen) Institutionen die Reproduktion und das Protektorat des kapitalistischen Zwanges. Es wird von den Regierenden und allzu oft gar von den meisten Oppositionellen eine Alternativlosigkeit attestiert, die erst gar nicht hinterfragt wird. Die Planwirtschaft ist gescheitert und die (Real-)Sozialismen haben stets zu illegitimen Formen von Herrschaft geführt. Selbst wenn dem so sei (was in den meisten Fällen sogar unumstritten sein sollte), suche ich darin nach dem Argument warum die Suche nach Alternativen undemokratisch o.ä. sein soll. Dies wird nämlich denjenigen unterstellt, die die aktuelle Konstitution z.B. in Deutschland in Frage stellen. Dies sei verfassungswidriger Linksextremismus, wenn man nach den Ausführungen in Verfassungsschutzberichten und ähnlichem geht.

1964 stellte Marcuse bereits fest: „Infolge der Art, wie sie ihre technische Basis organisiert hat, tendiert die gegenwärtige Industriegesellschaft zum Totalitären. Denn »totalitär« ist nicht nur eine terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch eine nichtterroristische ökonomischtechnische Gleichschaltung, die sich in der Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte Interessen geltend macht. Sie beugt so dem Aufkommen einer wirksamen Opposition gegen das Ganze vor. Nicht nur eine besondere Regierungsform oder Parteiherrschaft bewirkt Totalitarismus, sondern auch ein besonderes Produktions- und Verteilungssystem, das sich mit einem »Pluralismus« von Parteien, Zeitungen, »ausgleichenden Mächten« etc. durchaus verträgt.“ (Der eindimensionale Mensch)

Der Staat wird zu einem Vollstrecker dieses totalitären Kapitalismus. Er setzt ihn durch, er beschützt seinen Markt, diese verklausulierte Quelle der Freiheit, wenn man nur alles befolgt, was das System vorgibt.

Die trickreichste Komponente dieser Form des Totalitarismus ist, dass er eben nicht als klar identifizierbare Herrschaftsform, von benennbaren Akteuren durchgesetzt, wahrgenommen wird. Er tarnt sich als Normalität. Akteure sind zugleich seine Opfer. Fast jede Person trägt täglich zu seinem Erhalt bei und unterwirft sich mehr oder weniger freiwillig seiner Herrschaft und diese ist nach dem Ende der bipolaren Weltordnung annähernd weltumfassend geworden.

Eine Perfektion die kein bisher dagewesener Totalitarismus erreichen konnte, so dass die Ausübung von Terror gegen Andersdenkende ein notwendiges Instrument war, welches der Kapitalismus schlichtweg nicht benötigt. Die fehlende Führerfigur hingegen wird durch den Glauben „vom Tellerwäsche zum Millionär“ – The American Dream – ersetzt, der suggeriert, wenn man es nur genug will, dann kann man es auch schaffen.

Mit weniger Enthusiasmus heißt das allerdings auch, wer kein Erfolg hat, hat sich zu wenig angestrengt. Das individuelle Ressourcen (der Sozialisierung) die Erfolgsmöglichkeiten bereits qua Geburt steigern oder mindern; ergo ein gleicher Marktzugang damit nur eine kapitalistische Illusion ist, wird mit unfassbaren Starrsinn gegenüber der Gesellschaft schlichtweg ignoriert.

Am Ende ist es dann kein Zufall, dass die Macht bei denen liegt, die am meisten vom kapitalistischen Denken und Handeln profitieren. Bei den reichen Industriestaaten, bei den Global Playern der Wirtschaft oder Großspekulanten an den Finanzmärkten. Dies sind diejenigen Akteure, die ohne eigene Moral vom System profitieren und ihren Nutzen maximieren; der Homo Oeconomicus.

Der Homo Oeconomicus ist ein egozentrischer Rationalist, dem Werte wie Solidarität oder Humanismus nur unter der Prämisse des eigenen Nutzens wichtig sein können bzw. wichtig sein sollen. Dies ist das erwünschte Menschenbild im Kapitalismus. Eine Gemeinschaft, die am besten funktioniert, wenn jeder Mensch an sich selbst denkt (Nicht unbequem für einen Totalitarismus). Angeblich ist diese Annahme wenn alle Menschen so handeln, mit dem Ergebnis verhaftet eine allgemeine Wohlstandssteigerung zu erreichen. Aber was nutzt es wenn die meisten Armen arm bleiben, wenn die meisten ausgebeuteten Menschen weiter ausgebeutet werden, wenn die ungebildeten im niedrigen Milieu verbleiben und die Machtverteilung nur eine unantastbare Machtkonzentration ist. Adam Smith spricht von Marktgerechtigkeit durch eine „invisible Hand“. Dieser magische Markt, der am Ende alle belohnt und Ungerechtigkeiten nur temporär sind, da zum Schluss alles entsprechend der investierten Leistungen gerecht ausbezahlt wird, wird von vielen über Generationen gesucht und nicht gefunden, weil die „invisible Hand“ verstetigt und nicht korrigiert. Korrekturen entstehen durch den Sozialstaat, also durch Staatseingriffe, der schlimmste Feind des freien Marktes.

Da wären dann noch die Banken als Vollstrecker und Wächter des Kapitalismus. Nun haben diese 2008 demonstriert wie fragil so ein Kapitalismus sein kann, doch haben sie auch gezeigt, dass man den Kapitalismus nicht im Einzelnen abstrafen kann. So gilt die Nicht-Rettung der Lehman-Brothers in den Wirtschaftswissenschaften als radikalisierender Moment der Krise. Ganz nach dem Motto „too big to fail“ ist inzwischen eine derartige Abhängigkeit entstanden, dass Akteure innerhalb des Kapitalismus (auch abgesehen von den Banken) nicht mehr den „natürlichen“ Marktentwicklungen ausgeliefert sind, da ihr Vakuum größere (Wohlstands)Verluste bedeutet als ihre Rettung. Wird nun die spekulative Dimension des Kapitalismus eingeschränkt, Finanzmärkte und Banken reguliert, so dass eine Überschaubarkeit des Marktes zumindest ansatzweise wiederhergestellt wird? Nein. Bis auf ein wenig Symbolpolitik bleibt der Fahrersitz im konsumführenden Vierzigtonner unbesetzt, während er auf den Abgrund zu fährt.

Letztlich wäre es nur eine weitere gescheiterte Umsetzung einer gut klingenden Theorie (von Gerechtigkeit). Nur die Voraussetzungslücke des Kapitalismus ist keine schwere Erkenntnis, die nur einigen wenigen auf diesem Planeten vorbehalten wäre. Das Menschen in unterschiedliche Möglichkeiten zu gesellschaftlicher und ökonomischer Partizipation hinein geboren werden und die Überwindung dieser sozialisierten Umstände nur wenigen gelingt, ist bei weitem keine Unbekannte.

Soziologie und insbesondere die Milieuforschung hat gezeigt, dass auch in den Wohlstandsgesellschaften lange nach Klerus, Bauern und Adel weiterhin gesellschaftliche Klassenäquivalente existieren. Diese mögen nicht mehr klar trennbar sein, doch sind sie vor allem anhand der Maßstäbe Bildung und Einkommen zu unterscheiden. Zwei Ressourcen die notwendig sind um Leistungsgerechtigkeit besser zu nutzen. Sind sie nicht gegeben, kann man sich auch noch so sehr anstrengen, der Aufstieg bleibt i.d.R. verwehrt. So ist der angesprochene Sozialstaat doch bereits das Eingeständnis, dass der freie Markt niemals alle versorgen kann.

Diese Ignoranz von gesellschaftskonstitutionellen Fakten ist die Perversion der Hörigkeit gegenüber dem kapitalistischen Gedanken. Deregulierung, fiktive Währungswerte zum Wohle von Spekulation und Marktvertrauen nach Marktversagen sind die Krönung kapitalistischen Wahnsinns. Die Wirtschaftsform des Kapitalismus wird zu einer Art Plutokratie mit totalitären Ausmaßen.

Bei all den derzeitigen Totalitarismus- und Faschismusvergleichen, ob nun Islam, „EUdssR“ oder „DDR 2.0″ von vornehmlich rechtspopulistischer Seite, dachte ich mir mal ein mehr oder weniger populistisches Gedankenspiel zum ach so herrlich gerechten und Wohlstand akkumulierenden Kapitalismus kann dann auch nicht schaden.


2 Antworten auf „Der perfekte Totalitarismus“


  1. 1 BenSchreck 15. Juli 2014 um 0:26 Uhr

    „Nut­zen ist der Kern die­ser Ideo­lo­gie. Men­schen wer­den ka­te­go­ri­siert und pri­vi­le­giert nach ihrem ver­meint­li­chen öko­no­mi­schen Nut­zen. Kon­kur­renz und der in­iti­ier­te Glau­be jeder habe die­sel­ben Chan­cen, be­stim­men unter der Vor­ga­be des ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Leis­tungs­drucks das Han­deln und Den­ken des ka­pi­ta­lis­ti­schen Bür­gers.“
    Auch guter Artikel. Mich bringt ja selten was zum Nachdenken. Ich würde den Begriff „Nutzen“ noch weiter zuspitzen: Es bedeutet „Bescheißen“. Jeder Kaufmann in jedem Supermarkt weiß, dass er ein Produkt immer teurer verkaufen als einkaufen muß, jeder Kunde weiß das. Jeder Arbeit“nehmer“ weiß, dass er nicht den Teil des Gewinns erhält, der ihm „zustünde“ – sonst gäbe es keine Gewinne. Wer nicht an dieser Logik teilnimmt, hat in diesem System keine Chance zu „Erfolg“ zu kommen. Obwohl ich den Begriff „Totalitarismus“ eher skeptisch betrachte, kommt man aus dem System eher schlecht heraus. Insofern… (von Marcuse gibts noch ne nette Schrift aus den 30er Jahren über die „Totalitäre Ideologie“ oder so ähnlich; irgendwo bei Alfred Schmidt(?) erschienen)

  2. 2 Frankie 15. Juli 2014 um 9:00 Uhr

    Danke für Lob und Interesse.

    Natürlich ist die Verwendung des Begriffes Totalitarismus im Kontext „friedlich herrschenden Kapitalismus“ skeptisch zu sehen, da stimme ich ihnen zu. War halt ein Gedankenspiel, welches den Wirkungskreis verdeutlichen sollte. Vergegenwärtigt man sich allerdings die Opfer von totalitaristischen Regimen, wie primär dem deutschen Faschismus und dem Sowjetischen Stalinismus, setzt man sich mit derartigen Gedankenspielen natürlich in den Verdacht relativierend zu sein.

    Der Begriff hingegen ist ja ganz gut definiert (Totalitarian Dictatorship and Autocracy von Friedrich/Brzezinski), die Verwendung hingegen wird heutzutage ähnlich wie Faschismus geradezu inflationär genutzt und verwässert dabe in Definition. Daher habe ich versucht einleitend zu verdeutlichen, dass ich den Begriff verkläre.

    Jeder Arbeit“nehmer“ weiß, dass er nicht den Teil des Gewinns erhält, der ihm „zustünde“ – sonst gäbe es keine Gewinne.

    Da haben sie Recht. Hier kommt ja der gute alte Marx ins Spiel, der aus dem Mehrwert der Arbeit bereits folgerte, dass ein Ausbeutungsmechanismus besteht. Er hatte dann auch schon einen Lösungsansatz: Produktionsmittelbeteiligung für die Arbeiter.

    Aber von diesem sozialistischen Kram will ja keiner was wissen ;) Da kann man den Kern der Probleme auch schon im vorletzten Jahrhundert verdeutlicht haben, eben gleich zu Beginn der Industrialisierung, aber gelernt wurde bis heute nicht. Mal sehen was passieren muss, damit die Menschen aufwachen.

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