10 Jahre für den Scheiß (Lukas Podolski 13.07.2014)

Vorab muss man sagen, dass die argentinische Nationalmannschaft das Finale ebenso gut hätte gewinnen können.

In der ersten Halbzeit hatten Higuaín und Messi zwei Chancen, die die Albiceleste in Führung hätten bringen können und Neuers Ausflug an den Strafraumrand in der 2. Halbzeit war sicherlich kein Foul von Higuaín, eher war es Elfmeter oder gar Rot, sollte die Faust den Strafraum verlassen haben. Die gelobte Teamleistung der deutschen Nationalmannschaft war nicht minder bei der Argentinischen zu finden, die mit einer unglaublich organisierten und disziplinierten Defensive das Spiel, die Räume genauso kontrollierten, wie es von ihnen zu erwarten war.

Innerhalb der regulären Spielzeit wirkte die Albiceleste stets gefährlicher und schien auf fast alle Aktionen der deutschen Nationalmannschaft eine Antwort zu haben. Präsenter in den Zweikämpfen ging es z.T. überfallartig nach Vorne und auch Höwedes‘ Pfostentreffer sollte die Chancenverteilung in 90 Minuten nicht ausgleichen. Es wurde zu einem Spiel des Willens, der Physis und am Ende entschied doch ein schöner Moment Fußball diese Weltmeisterschaft, als Mario Götze den Ball technisch anspruchsvoll an Sergio Romero vorbei spitzelte und somit die größeren Anstrengungen der Verlängerung belohnte.

Die Generation um Phillip Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Lukas Podolski oder auch Miroslav Klose hat sich diesen Titel verdient. Als Klinsmann und Löw 2004 übernehmen, entsteht etwas, was der deutsche Fußball bis dato wenig kannte: kreativer Offensivfußball. Dieser war dann nicht nur schön anzuschauen, sondern auch mit einem Abo auf die Halbfinals der Großturniere sowie beeindruckenden Qualifikationen zu diesen, effektiv und erfolgreich. Was fehlte war ein Titel. Der 13. Juli war für die Älteren des Teams vielleicht die letzte Chance diese Ära des deutschen Fußballs zu veredeln. Nun haben sie, insbesondere die Bayern Lahm und Schweinsteiger alles gewonnen, was man als Spieler gewinnen kann; beeindruckend. Und ganz „nebenbei“ wurde Jogi Löw innerhalb der letzten Wochen (vlt Jahre) von einem kritisierten Nicht-Siegertypen zum erfolgreichsten Bundestrainer. Die beste Bilanz hatte er bereits, hinzu kam nun das Wichtigste: der Titel.

Was war das für eine WM?! Costa Rica schockte die Todesgruppe indem sie nicht nur Engländer hinter sich ließen, sondern auch noch die Mehrfachweltmeister Uruguay und Italien. Sie gehörten zusammen mit den Darbietungen der chilenischen und der kolumbianischen Nationalmannschaften zu den beeindruckenden Vorstellungen von lateinamerikanischen Mannschaften, die es taktisch hervorragend beherrschten die Räume eng genug zu machen und dann schnell nach vorne umschalteten. Der Guardiolasche Ballbesitzfußball sollte diese WM nicht prägen.

Sinnbildlich dafür die Demontage Spaniens durch die Niederlande im dritten Spiel der WM. Geradezu einfach aussehend zerlegten Robben und Co die Meister des vergangen halben chronologischen Dutzends. Eine Mannschaft gab es dann dennoch die über Ballbesitz ihren Weg machte; die argentinische Nationalmannschaft.

Sie wurden als Minimalisten verschrien und hatten in der Tat gegen den Iran ein erschreckenden Auftritt, den nur der geniale Moment des besten Fußballers der Welt, vielleicht aller Zeiten, beschönigen konnte. Er gewann den letzten Ballon d’Or nicht zum fünften Mal, auch wenn er zum 7. Mal hintereinander dafür in Frage kam. Lionel Messi zeigte in der Vorrunde, dass er auch bei Weltmeisterschaften den Unterschied machen kann. In der K.O. Phase aber übernahm ein anderer dieses Zepter. Sein Vereinskollege Javier Mascherano organisierte die Teamleistung der „Gauchos“ und zeigte, dass Argentinien eben nicht von Messi abhängig ist, wie es einige weiter hartnäckig behaupteten. Es mag nicht der Fußball gewesen sein, den so Viele von den Offensivkünstlern Südamerikas erwarteten, aber um ehrlich zu sein, haben sie diesen Anspruch nie verfolgt. Sie spielten nur allzu oft „italienischen Effektivfußball“ und auch wenn sie bis zum Finale nach vorn trotzdem ruhig mehr hätten zeigen können, gibt ihnen spätestens das Finale im Erreichen und in der Art dieses zu prägen Recht.

Messi gewinnt dann aber doch einen goldenen Ball. Er wird zum besten Spieler der WM gewählt. Das ist dann allerdings etwas unverständlich. Ohne Frage hätte ein entscheidendes Tor im Finale von ihm diese Ehrung gerechtfertigt, aber zu diesem fehlten ihm wenige Zentimeter. Gab es auf der anderen Seite einen besseren Spieler? Ich denke schon. Der Torschützenkönig James Rodríguez drückte dem Turnier seinen Stempel mit einem wunderschönen Tor auf und 5 weiteren Beweisen, dass er ein Fußballer mit glorreicher Zukunft sein könnte. Mats Hummels zeigte ebenfalls seine absolute Weltklasse, die allerdings von der starken Leistung seines Innenverteidiger-Pendants Jerome Boateng im Finale getrübt wurde. Für Thomas Müller gilt dann gleiches, wie für Messi; ihm gelang es nicht im entscheidendsten Spiel das Ausrufezeichen zu setzen. Arjen Robben fällt einem noch ein, der zurzeit alles nachholt was ihm Verletzungen in seiner Karriere versagt haben. Auch Karim Benzema spielte eine unglaubliche WM und bestätigte seine Leistungssteigerungen aus dem vergangenen Jahr Real Madrid eindrucksvoll. Es ist sicherlich schwierig einen besonderen Spieler zu benennen, bei einer WM die von Mannschaftsleistungen geprägt war. Und das gilt nicht nur für die beiden Finalisten, sondern eben auch für Chile, Kolumbien oder Costa Rica.

Eine merkwürdige Auffälligkeit am Rande: die Schiedsrichter haben ihren Platz bei dieser WM nicht gefunden. Sie begannen ohnehin katastrophal mit Fehlentscheidungen und standen so oft im Wege, wie ich es in den letzten 10 Jahren Bundesliga zusammen nicht gesehen habe. Zum Glück glichen sich deren Fehlleistungen meist aus, auch wenn Giovanni dos Santos trotzdem gerne zwei WM Tore mehr hätte.

Nun noch einmal zum Weltmeister. Das Finale passte in den Verlauf der Vorbereitung und des Turniers. Marco Reus fiel kurz vor Beginn des Turniers, im letzten Vorbereitungsspiel aus und verdunkelte damit die Hoffnungen der deutschen Nationalmannschaft. Mustafi rückt nach und bekommt auch noch seine Einsätze bis er sich verletzt. Das Ganze wiederholte sich irgendwie komprimiert in und vor dem Finale. Khedira kämpfte, spielte sich ins Turnier und kehrte trotz Trainingsrückständen (ähnlich wie Schweinsteiger) zum richtigen Zeitpunkt zu starker Form zurück. Nun verletzte er sich vor dem Finale beim Warmmachen und wurde ersetzt von Christoph Kramer, einem Spieler der international genauso unbekannt sein dürfte, wie er den Event Fans des Public Viewings wahrscheinlich eine Unbekannte war. „Dieses Fohlen“, ohne große internationale Erfahrung im Verein (BMG verpasste ja die Euro-League zur letzten Saison), fügte sich positiv in das Mannschaftsgefüge ein, forderte Bälle, ging Wege. Dann allerdings verletzte sich der Ersatz und Löw musste erneut umstellen und kehrte zum alten System (4-2-3-1) zurück.

Die personellen Rückschläge kennzeichneten den amtierenden Weltmeister. Vielleicht gewannen sie trotz, vielleicht gewannen sie sogar wegen dieser Rückschläge, die sie als Mannschaft enger zusammen brachten. Wenn man von personellen Rückschlägen spricht, kommt man aber nicht um die Verletzung von Neymar herum. Dies war sicherlich einer, wenn nicht der tragischste Moment der WM 2014. Unsinnig zu spekulieren, ob mit ihm das Desaster Brasiliens im Halbfinale nicht geschehen wäre, das selbstverschuldete Fehlen des Abwehrchefs und Seleção-Kapitäns Silva wog hier wahrscheinlich sogar schwerer, aber der Ausfall Neymars gehörte sicherlich zu den traurigsten Momenten und zwar sportlich wie menschlich. Die Geste des Goldenen Balles hätte er vielleicht nötiger gehabt als Lionel Messi, verdient hatte er sie auf das Turnier gesehen mindestens genauso. Und ab vom Sportlichen fand ich es keineswegs gut, dass die Proteste gegen die brasilianische Politik den Fußball nicht getrübt hat. Das brutale Vorgehen von Polizei und die staatlichen Repression, die dieses „einwandfreie Fußballfest“ möglich gemacht haben, zeigen nur die Kontinuität der Ignoranz gegenüber der Bevölkerung Brasiliens. Und der Druck, den die brasilianische Nationalmannschaft sich auferlegte war sicherlich über das sportliche hinaus, politisch.

Am Ende bleibt das Fazit einer historischen WM, was insbesondere am Weltmeister festgemacht werden kann; der höchste Halbfinalsieg bei einer WM, Miroslav Kloses 16. WM-Endrundentor und ein Torwart, der das Torwartspiel u.a. im wahrscheinlich schlechtesten Spiel der deutschen Nationalmannschaft vor der ganzen Welt auf ein neuer(es) Niveau gehoben und mit einer nie dagewesenen Einzigartigkeit versehen hat.


(Luke feiert im Maracanã die Weltmeisterschaft, wie es schöner nicht geht, zockend mit Sohn. Das ist Fußball!)

Das war Frankie’s WM-Rückblick.


4 Antworten auf „10 Jahre für den Scheiß (Lukas Podolski 13.07.2014)“


  1. 1 BenSchreck 14. Juli 2014 um 23:59 Uhr

    Moin,

    schöner Beitrag! Bin über einen Tagesspiegel-Link in den Kommentaren hier gelandet. Nur kurz zwei Sachen:
    Christoph Kramer hat sich nicht verletzt, sondern ist verletzt worden. Darf man gerne mal erwähnen (ich unterstelle keine Absicht bei dem „rot“– und elfmeterwürdigen Foul).
    Die Leistungen Costa Rica und Chiles sind tatsächlich zu würdigen. Allerdings (anders als bei Kolumbien) liegen diese Länder in der offiziellen Torschuß-Statistik überraschend weit hinten – spektakulärer Offensiv-Fußball war das auch nicht. Trotzdem fand ich deren Auftritte Klasse!

  2. 2 zion 15. Juli 2014 um 0:58 Uhr

    Na…tuts weh ?

  3. 3 Thorsten Scheisse 15. Juli 2014 um 8:17 Uhr

    bubblelebubblelebahu, mexicanbatalghan

  4. 4 Frankie 15. Juli 2014 um 8:39 Uhr

    @zion

    Wasn das für ne bescheuerte Frage?

    @BenSchreck

    Was Kramer angeht war es natürlich Einwirkung des Gegners, aber es war m.M.n. ein Zusammenprall, der eben kein Foul war, auch wenn der unglückliche Zusammenprall sehr heftig war.

    Was Offensive angeht. Ich find der Fußball hat immer wieder gezeigt, dass die Defensive wahrscheinlich sogar wichtiger ist. Daher finde ich die Menge abgegebener Torschüsse gar nicht so relevant. Wichtig ist eher die Torverwertung und solange es nicht Ausmaße a la Chelsea gg Bayern im CL-Finale annimmt, wo Fußball ungerecht wird, find ich es völlig ok defensiv zu spielen und das hat vor allem Argentinien im Finale fast perfekt gemacht.

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