Beiträge von Jazzy Jeff

Oh Lord, give a f*****g answer!

Ein Stück Musikgeschichte

Wynton Marsalis hat es schon getan und Eric Clapton auch. Beide Künstler haben sich ihren Platz in den Annalen der Musikhistorie erspielt. Nun war die Zeit gekommen sich zusammen zu tun und der Auflistung der zeitlosen musikalischen Unterhaltung ein neuen Teil hinzuzufügen. In Kollaboration dieser beiden Virtuosen mit Mitgliedern des „Jazz at Lincoln Center Orchestra“ gelingt ihnen das spielerisch. Das Album mit dem autoexplorativen Namen „Wynton Marsalis and Eric Clapton play the blues“ setzt sich aus Mitschnitten von Konzerten zusammen, die zwischen dem 7. und 9 April diesen Jahres in der ehrwürdigen Frederick P. Rose Hall im Lincoln Center, New York gespielt wurden.
Beide Musiker hatten schon ihre Erfahrung im Duett mit Legenden gesammelt. „Riding with the King“ von Clapton und B.B. King kann getrost als Maß aller Dinge im Blues Genre bezeichnet werden. „Two Men with the Blues“, das Duett-Album von Willie Nelson und Wynton Marsalis ist wahrscheinlich das meist gehörte Jazz Album der letzten 2 1/2 Jahre. Die Leichtigkeit mit der der Jazzvirtuose Marsalis und der Countrysänger Willie Neslon harmonieren, zeugt von einer tiefen inneren Verbundenheit der Musik gegenüber.
Nun wurde der nächste Schritt erreicht. Marsalis stellte eine Band zusammen die sich wie das who´s who des Jazz liest Dan Nimmer (piano), Carlos Henriquez (bass), Ali Jackson (drums), Marcus Printup (trumpet), Victor Goines (clarinet), Chris Crenshaw (trombone, vocals), Don Vappie (banjo) und Chris Stainton (keyboard) bieten ihr ganzes Können auf und stehen den beiden Protagonisten in nichts nach.
Die Songauswahl traf Eric Clapton (bis auf „Layla“, dieses Stück wurde auf Wunsch von Carlos Henriquez ausgewählt. Niemals vorher gab es eine schönere Version von „Layla“.). Angefangen bei Louis Armstrongs „Ice Cream“ über W.C. Handys „Joe Turners Blues“ bis zu „Careless Love“ wirkt die Setlist wie ein Spaziergang durch die Musikgeschichte und zeugt von Claptons Kenntnis und Liebe zur Musik die weit über den Blues hinausreicht. Sie reicht von den zwanziger Jahren, die goldenen Zeiten des New Orleans Jazz, des Boogie Woogies über den immer schon im Zentrum mitschwingenden Blues bis zu Swing, Rock und Rythm and Blues. Jedes dieser Stücke ist ein Teil dessen, ohne das die heutige Musik nicht ansatzweise denkbar wäre. Das musikalische Arrangement dieser Stücke hat Wynton Marsalis übernommen. In beeindruckender Art und Weise schafft er es diesen Oeuvren gleichermaßen die herzerfrischende Leichtigkeit des kreolischen Jazz als auch die gedankenverlorene Schwere des Blues zu verleihen. Noch niemals klang eine Jazz´n Blues Platte so anmutig und erfrischend zugleich.
Ein besonderes Highlight hält das Ende der Platte bereit. In dem besten Song („just a closer walk“) auf dem Album überrascht Taj Mahal mit einem Gastaufrtitt. Zum Abschluss überschlagen sich die drei Titanen noch einmal in einer atemberaubenden Interpretation von „Corinne, Corinna“.

„Always on the run! No sleep til Brooklyn!“

Anfang Februar kommt endlicht eine neue Graffiti Doku auf den Leinwand, die das Potential besitzen könnte neue Maßstäbe zu setzen. „Unlike U“ heißt das Werk von Henrik Regel und Björn Birg. Über sieben Jahre beschäftigten sich die beiden Filmemacher mit der Thematik und erarbeiteten sich so das Vertrauen der Szene, die man durchaus als geschlossene Gesellschaft beschreiben könnte. Und so wirkt es zumindest im Trailer, dass sie hier ein liebevolles und detailliertes Portrait einer Szene geschaffen haben könnten, das so wohl noch nie gesehen wurde.
Warum macht man das, wenn man es doch niemanden erzählen kann? Worin besteht der Kick? Warum kriminalisiert (bzw. wird kriminalisiert) man sich, obwohl man keinen öffentlichen Ruhm oder Geld dafür bekommt? Vielleicht hat SKIM recht und letztendlich ist es nur die Liebe zur Farbe, die jemanden dazu bewegt, soziale Ausgrenzung, Paranoia oder Schlafentzug auf sich zu nehmen, um Züge zu „gestalten“, die ja doch sofort wieder aus den Verkehr genommen werden.
Der Film verspricht auf jeden Fall viel und ist wohl nicht nur was für Kenner der Berliner Sprüher Szene.

Rapping Farmers

So bewerben unsere Freunde von der Insel ihre Milchprodukte. Man mag davon halten was man will, aber ich krieg jetzt richtig Lust auf ein großes Glas Milch. (Dank dafür geht an unsere „Aussenstelle“ Edinburgh.)

„The king is dead, long live the king“

Vor knapp einer Woche las ich in der Zeitung, dass Solomon Burke, eine Legende des Soul, verstorben sei. Einige Zeit starrte ich geistesleer auf die Nachricht, bevor mich ein leises Lächeln wieder in die Realität zurück holte. Ich erinnerte mich an seine Worte zum Tod. Und Solomon Burke kannte sich mit dem Geschäft aus. Als Bestatter war er der Ansicht, das Beerdigungen die beste Zeit zum Lachen sind, „Das gibt Kraft, den Tod zu ertragen“, und es sei eine Schande, wenn Pfarrer nicht auch Komödianten sein können. Neben diesen sehr früh erlernten Beruf, den er sein ganzes Leben lang innehatte war er aber noch vieles mehr.
Mr. Burke war Bestatter, er war ein Mann der Kirche, er war Vater von 21 Kindern und Großvater für 90 Enkel und vor allem war er (Musik-) Revolutionär. Oftmals wird ja behauptet er stünde im schatten von Sam Cooke und Otis Redding. Die zu damalige Zeit wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Doch ohne Burke wäre die Welt des Gospels, Soul und R&B erheblich ärmer. Nicht umsonst wurde er in den 60er Jahren als „King of Rock & Soul“ gefeiert.
Als 14- Jähriger begann seine Karriere mit dem Gospelsong „Christmas Presents from Heaven“. In den 60er Jahren eroberte er mit „Cry to me“ die Charts, später wurde der Song in den Film „Dirty Dancing“ gebraucht und dadurch unsterblich. Allen und jeden bekannt ist allerdings „Everybody Needs Somebody to Love“, den heute viele nur noch als Cover der Stones, Wilson Pickets oder der Blues Brothers kennen. 2001 schien sein unaufhaltsamer Aufstieg ein Ende zu haben. Mit der Aufnahme in die Rock & Roll Hall of Fame schien er am Gipfel des Olymps angekommen zu sein. Auch hier wieder machte sich sein einzigartiges sympathisches Wesen bemerkbar, als er schmunzelt feststellte „Die denken nun, das nicht mehr viel kommt“. Doch anstatt sich auf den Wohlverdienten Ruhestand zu freuen, nahm er eine Comeback Platte auf. „Don´t give up on me“ (2002) gewann 2003 den Grammy für das beste zeitgenössische Blues Album.
Burke lebte für die Musik, das zeigt nicht nur, dass er im zarten Alter von 70 Jahren noch eine Welltournee auf sich nahm, sondern auch, dass er noch ein letztes Album mit der niederländischen Rockband De Dijk aufnahm. Bezeichnenderweise lautet der Titel seines letzten Albums „Hold On Tight“.
Auf dem Weg nach Amsterdam, wo er das Album vorstellen wollte, ist Solomon Burke im Alter von 70 Jahren, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt, verstorben.

Ersehnte Diktatur

Die soeben veröffentlichte Studie, „Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“, im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigt deutlich wie stark der Wunsch nach Diktatur und die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus innerhalb unserer Gesellschaft verteten wird und damit die Demokratie gefährdet. Jede/r Vierte in Deutschland wünscht sich eine „starke Partei“, die die „Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Jede/r Zehnte erhofft sich einen „Führer der Deutschland mit harter Hand regiert“, oder hält eine „Diktatur für die bessere Staatsform“. Blättert man in der Studie ein wenig weiter schreckt man spätestens dann auf, wenn man lesen muss, dass durschnittlich jede/r Zwansigste allen drei Aussagen gleichzeitig zustimmt und somit auch die Fiktion einer „Volksgemeinschaft“, die von einheitlichen Interesse und einem Führer getragen wird, in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist. Denn, und das gilt als weiter schockierender Befund der Studie, „Rechtsextreme Einstellungen finden sich in allen gesellschaftlichen Bezugsruppen“. Zwar ist der Alterseffekt, als auch der Bildungseffekt weiterhin sehr deutlich ausgeprägt, „Rechtsextremismus sei jedoch kein Phänomen am Rand der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil finden sich rechtsextreme Einstellungen in besorgniserregendem Maße in der Mitte der Gesellschaft.“ (In den neuen wie alten Bundesländern, bei Männern und Frauen, in allen Altersklassen, bei Befürwortern demoratischer Parteien, bei Gewerkschaftsmitgliedern und Kirchenangehörigen) Angesichts der Abstiegsängst, geschuldet durch die Wirtschafts- und Finanzkrise haben rechtsextreme Einstellungen zugenommen. Durch die ständige Betonung der Bedeutung des Wirtschaftsstandorts Deutschlands, wird nicht nur eine Entsolidarisierung mit den Marginalisierten und Prekarisierten legitimiert, sondern zusätzlich auch noch die Rede von einer Nation als eine Interessensgemeinschaft. „Die als gemeinsames nationales Interesse formulierte ökonomische Rationalität sei zur dominanten Argumentationsfigur geworden und habe die demokratischen Institutionen geschwächt.“
Die Autoren der Studie werten die Ergebnisse als „Alarmsignal“für Politik und Gesellschaft. In die Pflicht nehmen sie dabei beide, sowie die Medien. So müsse Demokratie besser erfahrbar werden, es sollte mehr und bessere Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen, die materielle Absicherung eines menschenwürdigen Lebens muss verbessert werden und die Medien sollten einmal mehr auf nichtdiskriminierende Berichterstattung achten.
Wenn man jedoch Sarrazin von „Kopftuchmädchen“ redet hört und seine biologistischen Argumentationen in jeder noch so schlechten Talkshow mitverfolgen kann, oder Horst Seehofer und seine Äußerungen zu „Kulturkreisen“ bedenkt, wird ersichtlich, dass von Seiten der Politik und der Medien keine Unterstützung zu erwarten ist.