Beiträge von Matew

Die neuen Abenteuer des C. Montavaro

Das Dokument war leer, nur der Cursor blinkte wartend und auffordernd. Unbenannt 1. Langsam erschienen die Worte Liebe Brigitte, ich möchte schon so lange mal mit dir…
Dann rasierte der beschissene Blinkebalken alles wieder weg. Wieder war das Dokument leer. Seine Finger bewegten schusslig die Maus und schlossen das Fenster beim dritten Versuch. Sollen die Änderungen gespeichert werden? Na, mensch, nein.

Il Commissario schnaufte. Vielleicht verschnaufte er auch. Während der letzten halben Stunde hatte er vor seinem Computer gesessen und sich buchstäblich den Kopf darüber zerbrochen, wie er Brigitte, die rosig, pralle Königin, die Mutter aller emsigen Arbeiter dieses wuseligen, pulsierenden Termitenhügels, endlich erobern konnte. Er musste sie haben! Besser: gehabt haben! Die eine, nur noch die eine! Dann, aber erst dann, würde er Schluß machen mit der ewigen Schürzenjägerei, das Junggesellendasein wie eine alte, treue Rüstung ablegen und seinen Frieden finden. Er würde sich eine zum Liebhaben suchen, ‚n Baby.
Nun, da er die Scherben eingesammelt und sie notdürftig wieder zusammengebastelt hatte, empfand er Erschöpfung. Er zupfte bedächtig an den Enden seines Schnauzbarts, wie er es immer tat wenn er grübelte und schaute ins Leere. Scheiße, dachte er. Ich muss das von Wilko erledigen lassen.

Als das Telefon klingelte schreckte er unbeholfen hoch, sodass er seine blau-weiße Kaffeetasse umwarf und deren Inhalt über einen Papierstapel auf Wilko Bücks Schreibtisch vergoss. Oh Mist, dachte er. Die Unterlagen zum Neger-Fall. Beweismittel waren das. Wilko würde ausflippen, soviel war sicher. Es blieb ihm also nur eine Möglichkeit: Vertuschen und weiter machen.
Er nahm den Hörer ab.

„Montavaro.“
„Was, Wer? Kinnersen? Kinnersen, sind Sie das?“
Auch das noch: Der Boss. Er holte Luft und hielt den Hörer ein gutes Stück von der Ohrmuschel entfernt. Dann sagte er:
„Kinnersen hier.“
Kinnersen, haben Sie sich etwa gerade mit ihrem bekloppten Pseudonym am Telefon gemeldet!?“
„Nein.“
„Doch, haben Sie, Sie blödes Arschloch! Jetzt hören Sie mal zu: So ’ne Scheiße läuft nicht, Kinnersen, kapiert? Machen Sie mich verdammt noch mal nicht lächerlich! Die gesamte Abteilung…“
„D‘accord.“
„Was!?“
„Ich sagte, es sei in Ordnung, Boss.“
„Überspannen Sie den Bogen nicht, Kinnersen, ich…“

Montavaro legte auf. Der Boss würde ausflippen, soviel war sicher. Aber das passierte zwischen ihnen beiden eh ständig. Wilko dagegen; er brauchte Wilko.
Gründlich sein. Alles, was auf ihn verweisen konnte, musste beseitigt werden. Der umgestoßene Kaffee begann bereits in den Stapel Papier einzusickern. Das Telefon klingelte wieder. Diesmal lauter und wütender. Ganz und gar fürchterlich.

Schnell, Montavaro, dachte er,

„nutze deinen großartigen Lümmel (Verstand, Anmerkung MP) um aus dem Labyrinth der verfluchten Umstände heilen Leibes wieder herauszufinden!“

Verwundert schüttelte er den Kopf. Lydia strahlte ihn an. Sie zwinkerte ihm mit beiden Augen zu und formte mit den Lippen ein lautloses Du schaffst das, Prachtstück! Ich werde dich immer lieben und in einigen, wenigen Monaten werde ich dich mit etwas ganz Besonderem überraschen, mein superpotentes Ochsenschwänzchen! Dann senkte sie den Blick und sah herab auf ihren Bauch, wie sie es immer tat wenn sie arbeitete. Oder?

Ach, Lydia. Du gute Seele. Du gute, gute, verrückte, alte Schachtel. Sprichst mit niemandem, tust weiß Gott was in dieser Abteilung, aber jetzt, genau jetzt, erkennst du meinen Schlamassel und schickst mir bizarre Grüße aus deinem jenseitigen Zuckergussutopia. Mensch!
Il Commissario war hinreichend ermutigt. Er würde es schaffen, schließlich glaubten sie an ihn. Die Abteilung! Er würde sie nicht enttäuschen.

Er suchte nach einer Serviette, fand keine, sah ein Stofftaschentuch auf Wilkos Schreibtisch liegen, griff es und trocknete damit das gestapelte Papier. Dann hob er den oberen, versifften Teil des Papiers ab und schob ihn ungesehen nach unten. Noch eine kleine Korrektur mit dem Daumen, dann lag der nunmehr unleserlich und damit wertlose Teil der Dokumente bündig auf Kante. Aber hallo!
Nun das Telefon. Mutig ergriff er zum zweiten Mal den Hörer, führte ihn ans Ohr, öffnete den Mund und sagte:

„Aufgelegt.“ Scheiße.

Mensch, Montavaro! Zu langsam, du alter Kutschgaul! Keine Zeit zu verlieren, der Boss dürfte schon hierher unterwegs sein! Schnell ließ er das kaffeebefleckte Stofftuch in einer Schublade verschwinden, setzte sich auf seinen einstmals drehbaren, doch immerhin noch rollenden Bürostuhl und zupfte nervös an seiner Bürste. Arbeiten, Montavaro, du musst irgendwas arbeiten! Er öffnete wieder das Textprogramm, lud das zuletzt verwendete Dokument und stutzte. Nicht. Stutzte nicht. Das Dokument war leer.

„Kinnersen! Wo sind Sie, Sie verfluchter Penner!?“

Jetzt bloß locker und entspannt bleiben. Nichts verdächtiges tun oder sagen, du geiles Pferd. Er drehte sich geschäftig mit dem gesamten Stuhl herum, indem er sich auf stümperhafte, doch beeindruckend kraftvolle Weise mit den Füßen vom Boden abstieß und die Rollen des Stuhls in schwindelerregende Rotation versetzte. Dabei entwickelte er so viel Schwung, dass der Stuhl, in dem Moment, in dem er seinen fürstlichen Leib aus dem Kunstleder schälte, umfiel, gegen Wilkos Schreibtisch knallte und eine eigentlich unglaubliche Kettenreaktion auslöste an deren Ende, man mag es tatsächlich nicht für möglich halten, der rot-weiße Kaffeebecher Wilkos umgestoßen wurde und dessen Inhalt sich auf den bis hierher noch mangelfreien Stapel Beweisdokumente des Neger-Falls ergoss.
Der Kommissar bemerkte diese, im wahrsten Sinne des Wortes, unverhoffte Wendung der Ereignisse nicht und sagte:

„Locke, alter Freund! Na, was führt dich Prachtbullen denn hierher zu uns, in den bescheidenen Aservatenkeller?“

Montavaro sah sein Spiegelbild auf der bowlingkugelgleich-polierten Platte seines Chefs. Zupfte er an seinem Verwöhnerbärtchen? War er nervös?
Was, nein, er doch nicht! Er war der Fuchs der Abteilung, nicht wahr Lydia? Er würde das Pferdchen schon wiegen.

„Kinnersen, Sie halten sofort das Maul oder ich lasse Sie für den Rest ihres Lebens die Scheiße aus dem Bauchafter meiner Querschnitter-Schwägerin fressen, ist das klar, Sie elender Penner!?“
„Klar wie..“
„Sie sollen das Maul halten, hab ich gesagt!!“
„In Ordnung, Locke, Boss, aber lassen Sie mich..“

Jemand schrie schrill. Und zwar sehr nah. Ganz fürchterlich.

Molto bizzarro, Monti, aber darum konnte er sich jetzt nicht auch noch kümmern, schließlich forderte Locke, Boss, seine ganze Aufmerksamkeit. Wenn er nur

„Montavaro!“
„Wilko? Mein Gott, Sie sehen ja aus wie ’ne Schippe Schrauben? Was für ein Elefant ist denn bei Ihnen..“
„Haben Sie den Kaffee über die Beweisdokumente des amerikanische-Menschen-eventuell-afrikanischer-Herkunft-Fall verschüttet, mensch!? Das ist die Arbeit von drei ganzen Tagen! Morgen früh sollen diese Leute, die zum Zwecke eines Konzerts nach Deutschland migriert und gegen das hier geltende Betübungsmittelgesetz verstoßen haben, verurteilt werden und wenn die Beweise nicht…“

Montavaro hörte Wilko noch sprechen, verstand ihn aber nicht mehr. Wozu auch? Das Entscheidende hatte er bereits gesagt.

Apokalypse! Wie konnte Bück es nur herausgefunden haben? Er hatte doch dafür gesorgt, dass alle Spuren beseitigt waren! Mit aller gebührenden Sorgfalt. Dieser miese, kleine Schnüffler, die Ratte, das wieselige Vierauge! Hatte wohl die Lupen auf und schnurstracks Fingerabdrücke analysiert, um dann in Sekundenschnelle mit seinem YPS-geprüften Computer (seinem Hirn, Anmerkung MP) alle Puzzleteile zusammenzubringen und…

Montavaro fühlte sich zuerst ohnmächtig, dann kodderig.
Schließlich etwas blümerant.
Es gab nichts mehr zu erledigen. Alles vorbei, Brigitte.
Der Fuchs hatte wahrlich zum letzten Mal im Hühnerstall gefrevelt.

Und damit endet der erste Teil der spannenden Abenteuer des Commissario Montavaro. Bleiben Sie unbedingt am Ball und erleben Sie, wie der Kommissar im nächsten Teil versucht aus dieser schier ausweglosen Situation wieder herauszufinden! Wird er das Duell mit dem klugen Wilko Bück für sich entscheiden können? Wird er Brigitte, seine Herzdame, doch noch für sich gewinnen? Und was hält Locke von alldem?
Bleibt gespannt, liebe Kriminalfreunde! Bald mehr, hier, auf Frankie’s Polizeiblog!

Wir Kinder vom Bahnhof Z.*

Und jetzt kommt er wieder. Ich hör ihn. Du auch, man? Hörst du? Jetz kommter. Ahaaaaaa, ja, ja, da isser! Jetz die Hände hoch. Es kocht, alle rasten aus. Der Beat wuchtet. Oder schrammelt er mehr? Egal, man, feiern!
Ich hüpfe, stampfe, zappel irgendwie. Ein Schritt links. Ich tret die Kippe aus. Ein Schritt rechts. Ich tanze gut heute. Die Atzen auch. Wir tanzen alle gut, besser als gewöhnlich. Die Mucke is aber auch der Hammer heute, schreit einer, als habe er meine Gedanken gelesen. Vielleicht kann er das ja. Vielleicht hab ichs gesagt? Sinnlos. Ah, er geht runter. Ich verlier den Blick kurz an ein bekanntes Gesicht, keiner der Atzen. Irgendwer anders. Ich lege den Kopf zurück und fühle mich atemberaubend schön. Ah, er geht rauf. Ich verharre.
Das Meer tanzt zum immer tiefer bohrenden Sound der Computer, dem Biorhythmus unserer großen Mutter, der Taktung ihrer digitalen Einspritzdüse, die uns wie Kolben in den Zylindern dieses furchtbar-wunderbaren, so wahnsinnig-sinnleeren, tollwütigen Biomassemotors rasend schnell die Luft auspumpen lässt… bevor sie diese dann gepresst und verdichtet im beinah atocha-getimeten Sekundentakt detonieren lässt. Sie ist es, ist alles. Ihrem Diktat bedingungslos folgend wie die Arbeiterinnen eines Ameisenstaats verfallen wir ihrer Macht, beugen uns ihrem Gewaltmonopol, lieben sie als Herrscherin über die Welten: du wundersames Geschöpf, du jenseitige Offenbarung, du d-d-d-DJane! Jahhhh! Lotzestrasseeeee!
Ja!? Was will er von mir? Raus? Nee, noch nich. Auf keinen Fall. Ich dreh mich wieder. Es graut schon, sagen die, die von draußen kommen. Mir graut es auch. Ich verlasse den Motor heute nicht mehr, ich überlasse ihn. Anderen. Wir müssen doch weiter, weiter bis nach Mex…

„Matze, man gehn wir jetz endlich?“
„Ja, ja, klar. Is doch eh immer disselbe.“
Er macht einen Schritt zu Seite, schaut mich an.
„Hast du was gezogen heute?“
„Ich? Nee. Wieso? Du?“
„Deja?“
Das Grauen ist vorbei. Der Tag strahlt in all seiner fürchterlichen sonntäglichen Kraft. Mir wird schlecht.
„Auf jeden, Deja.“
Wir stapfen los, um noch verletzt das letzte Geld für Bier und Zigaretten zu entwerten. Ich bekenne, denn ich habe Sehnsucht.

Hip Hop is still okay.

*Expertise zum Bahnhof Z.

Et jibt keen Battle…

Zuweilen ist der Abonnent dieses kleinen Blogs ja durchaus geteilter Meinung bezüglich der (Berliner) Rapgilde. Einig mag er sich werden! Bernd E. und der Edel Ulli haben jetzt kaum überseh- resp. -hörbar einen dieser berühmtberüchtigten Straßenjungen „in die Champions League“ der Unterhaltung gezeichnet. Ach! Mhm! Was!? Der…, viel habe ich angesetzt, abgewogen, mit (wenig) gefährlichem Halbwissen gepoltert; alles für die Katz. Alice Schwarzer hat ersguterjunge „so wahrheitsgetreu und passend gedisst, [wozu] in all den Jahren kein einziger Rapper“ fähig war. Mutig findet das die taz. Unendlich richtig denn berechtigt finde ich das. Und Frank. Gib den Opfer, Alice!
Unbedingt lesen, du Student (siehe Nachrichtenlink)!

Aus dem Tagebuch keines katholischen Hochstaplers

por Don Diego del Pedro Cabrón

Am Ende marschierte ich wieder. Sieben Jahre lang hatte ich mir die Füße wund gelaufen, habe sie Frost, Entzündungen und Flechte erleiden, sie durch schwefeligen Morast und schlingendes Moor waten lassen, hatte sie in zu enge Stiefel gezwängt, sie gestaucht, verletzt und gebrochen. Alles, um sie nun erneut für sinn- und endlos lange Tage als Lastesel meiner Selbst, meiner zertrümmerten Seele und deren löchrig ledriger Hülle einzuspannen.
La guerra le roba el alma al guerrero. Ya eres muerto tan pronto como partas para la batalla.Tot.
O Dios, welch beneidenswerte, süße Gestalt für einen Krieger! Hättest du mich doch bereits zu Dir geholt, piadoso Padre, mich in deine liebenden Arme geschlossen, mich gehalten und mir Trost geschenkt!

Die Sonne stand hoch, brannte mir auf Schädel und Schultern. Ich konnte nicht sagen wie lange ich schon durch diese gottverlassene, leblos starre sierra marschierte. Bedeutungslos. Vielleicht hielt ich noch einen oder zwei Tage durch, spätestens dann bliebe ich neben einem dieser hässlichen, braunen Steine liegen, würde gleich glimmender Kohle verglühen und schließlich erlöschen. Fern der Heimat, der einsamste Tod imaginable.

Taub und trocken der Gedanken an mein baldiges Hinscheiden an diesem verfluchten, gottlosen Ort nachhängend und in diesen kaum Trost und Labsal findend, bemerkte ich, dass am Horizont eine Gestalt auftauchte.
Das flimmernde, gleißende Licht der sol del mediodía spielte dem suchenden Auge in der Ödnis del desierto zuhauf Streiche; doch dieses Mal waren es keine ilusiones del diablo!
Die Gestalt kam näher. Ich konnte an der Art seines kräftigen Schrittes einen Mann von großem Wuchs erkennen. Er trug oder zog irgendetwas Schweres hinter sich, vielleicht ein Maultier oder eine Droschke. Quién andaba aquí mit einem Karren oder seinem Esel entlang? Ich verspürte eine seltsame Furcht vor jenem Fremden.
Weiter gingen wir aufeinander zu. Ich erblickte sein Haar, seine Kleidung und das Antlitz, die Züge des caballero

y me estremecí…!

Dieser Riese, so grässlich en su presencia estaba, wie er entsetzlich anzuschauen war: Vollkommen mit Haaren bedeckt, in Manier eines wilden Tieres, una bestia, trug er in der Linken einen Schild aus schwerem und festem Eisen. Auf seiner Brust prangte la cruz des heiligen Sohnes. In seiner Rechten hielt er das Bild einer Frau, gemeißelt in lichthellen Stein, die von solcher Schönheit war, dass es mir das Augenlicht trübte. Aus ihrem Bildnis schossen mehrere Blitze von fuego, die den Körper eines Mannes, den der Wilde gewaltsam hinter sich her zog, alle paar Schritte in Form von peitschenden Flammen in Brand setzte. Diese torturada alma ächzte unter den wuchtigen Feuerstößen und beschwor betend und im Takt seiner Folterschläge:
„Im Glauben, lässt es sich erleiden.“ La Fé.
Und als wir uns auf gleicher Höhe begegneten, die Wege kreuzten, sprach er zu mir in tödlicher Angst:
Caminante, por Dios, ich bitte dich, folge mir und hilf einem, der in solch furchtbarer Pein der ayuda einer barmherzigen Seele bedürftig ist!“
Ich, der ich in diesem Moment mehr Grund mich zu fürchten als rechten Verstand um zu antworten besaß, blieb stehen und überlegte. Mi coracon hacía saltos; es schien als ob Gott, der wahrhaftige Vater mir in den Leib gefahren, mein Herz zum Bersten gefüllt; Oh, ich spüre seine unendlich große, alles überschattende Liebe…Sííííí! Dios mío, ya estaré en el paraíso???

Mais non“, quakte der langhaarige Wilde, der seinen Gefangenen lustsam eng führte. „Rien n‘est beau que la vrai, n‘est-ce pas?“. Und er hielt sich den Bauch und lachte so fürchterlich laut und froschig nauséeux, dass sich sein Kinn bis zum Hals blähte und sein Gelächter in ein rauschendes, Ohren betäubendes Getöse verwandelte.

Ay ay ay“, seufzte ich ein letztes Mal, „esto ha de ser el infierno del que me hablaron toda la puta guerra santa.“

datiert irgendwann im Januar 1492, im Spanien der Reyes Católicos.

Immer noch ein bischen Hertha

Und mitten drin steht sie, die Alte Dame aus Berlin. Einsam fröstelnd, knietief im Morast und mutlos nach Halt suchend im bitterkalten, pechschwarzen BuLiwinter. Niemand und Nichts sind mehr da. Sie ist wahrlich, wie sie selbst feststellt: JWD. Janz weit draussen. Auch wenn sie nicht gänzlich allein frieren muss, so haben ihre nächsten Leidensgenossen doch zumindest ab und an Zeit für ein wenig Rast, um mal zu verschnaufen und in das selten durchsickernde Tageslicht zu blicken. Das fördert das Wohlsein und schafft Seligkeit.
Der Alten Dame bleibt dieses Privileg verwehrt: Mit beiden kraftlosen, knochigen Händen um letzte Strohhalme geklammert, sieht sie nur das spärlich schimmernde Licht der roten Laterne.

Ihren Stolz hat sie abgelegt, wie einen alten Mantel, der nicht mehr (zu ihr) passt. Ihre noch im Sommer höchst gegenwärtige, jugendlich-frische Lust, ihre Verliebtheit (auch in sich selbst), verlor sich in der Wirklichkeit des gnadenlos darwinistischen Kampfes um GELD.MACHT.SCHWEIZER KÄSE. Ein langes, berauschendes Sommerfest und nun ein fürchterlich hilfloser und ungelenker Tanz auf dem Eis.
Eine alte Dame, ohne Mantel und mit gesenktem Haupt steht immer noch am Rande des winterlich gefrorenen Sees, der Kristallarena, während die anderen fort gleiten, rutschen, schliddern oder robben. Alle irgendwie in Bewegung, um ans andere, rettende Ufer zu gelangen. Bis zum Frühjahr müssen sie es geschafft haben. Dann setzt der Tau ein und die Scheiße, durch die es dann nunmehr sinnlos und gedemütigt, mit letzten Zügen zu schwimmen gilt, kommt zum Vorschein.

Nein, all das ist der Alten Dame nicht würdig. Viele betrachten ihre missliche Lage mit Häme, Spott und Hässlichkeit. Sie haben, so behaupten sie, die alte Hertha noch nie gemocht und ihr familiärer Anhang bestünde vor allem aus faschistischen Arschlöchern. Arrogant sei sie im Sommer herumstolziert, sich selbst feiernd und dies unangemessen laut und nicht besonders damenhaft.

Mag alles stimmen.

Und doch verspreche ich dir, du altes, kränkelndes Weib, dass ich bei dir bleibe, auch in Zeiten der Cholera.
Ich ertrage deinen Violeta-Mief, ich halte dein armseliges Unterkleid hoch, der letzte Rest der dein schlotterndes Gerippe zu bedecken sucht, damit es nicht weiter beschmutzt und besudelt wird und – um das größte, fetteste und schwerste Opferlamm, das ich für dich zum Altar trage zu zu ächzen – ich schaue dich weiterhin an.

Ich werde nicht behaupten, dass ich dich liebe, denn das tue ich, habe ich nie getan.
Ich werde auch nicht behaupten, dass du schön, attraktiv und mondän wärst, wie es uns dein langjähriger, unanständig unvermögender Patenonkel so lang glauben machen wollte.
Du kannst hässlich sein und schwach und alt.
Das Schicksal, das verfluchte, schöne Berlin, die Heimat, hat mir deine Hand einst gegeben. Ich werde sie nicht los lassen, mögest du noch so sehr stinken, verblühen und veröden.
Ich werde sie drücken.
Immer ein bischen hertha.