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Wenn 200 000 Menschen genug sind, was bedeutet dann ein Einwanderungsgesetz?

Eigentlich ging es um eine Obergrenze als sich CDU und CSU die vergangenen Tage zusammensetzten. Daraus wurde ein Topf, wo man alles Humanitäre reingekippt hat und einen Deckel mit dem Richtwert 200 000 drauf packte, aber verschlossen wurde dieser Schnellkochtopf nicht. Hier wird man dann in den kommenden Wochen sehen, was die Grünen und die FDP dazu zu sagen haben.

Nur so viel dazu, allein das der Familiennachzug in den 200 000 enthalten sein soll, zeigt die Absurdität dieser Zahl, denn so sind diejenigen, die seit dem 16.03.2016 (Subsidiärer Schutz; Asylpaket II) vom Familiennachzug ausgeschlossen waren, alleine in der Lage, wenn diese Aussetzung ausläuft, die Zahl zu erreichen. Die aber bereits auch schon vor Monaten angefachte Diskussion um die Verlängerung dieser Aussetzung des Familiennachzugs, bedeutet eine Fortsetzung eines erheblichen Grundrechtseingriffs in Art. 6 GG, der eben vor der ursprünglichen Rechtfertigung keineswegs mehr standhalten kann.

Auch wenn das Bundesverfassungsgericht, dem Gesetzgeber im Rahmen des Familiennachzugs zum Ausländer (§ 29 & 36 AufenthG) Spielraum gibt, ist dem Bundestag von derselben höchsten Gerichtsbarkeit Deutschlands dennoch folgendes bekannt:


„Mit zunehmender Aufenthaltsdauer schreitet im Regelfall die Einfügung in die hiesigen Lebensverhältnisse voran; zugleich wächst die Entfremdung vom jeweiligen Heimatland. Dem unter dem Schutz des Art. 6 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 GG stehenden Wunsch eines nachzugs-begehrenden Ausländers nach ehelichem und familiärem Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland ist daher bei wachsender Dauer des Aufenthaltes seines Ehegatten im Bundesgebiet zunehmendes Gewicht beizumessen.“

Quelle:https://www.bundestag.de/blob/489006/73d5b14ea8c20bdc175c16e68726a73e/wd-3-239-16-pdf-data.pdf

Da wir hier bei den Betroffenen von der Aussetzung des Familiennachzugs nicht selten von bereits 2015 eingereisten Menschen reden, muss man sich eine Trennung von der Familie von im Durchschnitt drei Jahren bewusst sein, wenn man nun meint, dass man Familiennachzug und die humanitäre Aufnahme im Rahmen der verschiedenen Schutzstatus gegeneinander ausspielt.

Damit aber nicht genug, denn einmal mehr wurde in diese Diskussion ein neues Einwanderungsgesetz geworfen. Nun kann man sich direkt fragen, was dies denn überhaupt im Kontext Asyl und Flucht zu suchen hat, aber ich möchte diesen Gedanken an dieser Stelle einmal mehr ausführen.

Zunächst möchte ich bemerken, dass es hinsichtlich der Einwanderung von Fachkräften ohne Frage einen optimierenden Regelungsbedarf gibt, denn die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen ist z.T. katastrophal. Zum einen sind sehr viele unterschiedliche Stellen für sehr viele unterschiedliche Abschlüsse zuständig. Hier braucht es Beratungsstellen um überhaupt die zuständige Behörde zu finden. Die Anerkennung ist dann natürlich nicht kostenlos und in ihrer Aufwendigkeit zu schauen, wo die Abschlüsse im Vergleich zu deutschen Abschlüssen gewertet werden müssen, ist auch die Dauer nicht selten bis zu einem Jahr gegeben. Eine Zentralisierung und Vereinfachung dieses Prozesses im Rahmen eines Einwanderungsgesetzes kann nur zu begrüßen sein.

Aber immer wenn das Einwanderungsgesetz ins Spiel gebracht wird, ging es zuvor um Asyl und Flüchtlinge. Hier scheint man dann diejenigen zu meinen, die im Asylverfahren scheiterten, aber dennoch eine Chance bekommen sollen, wenn sie dann eben im Rahmen gebrauchter Arbeitskraft die Möglichkeit bekommen sollen einzuwandern.

Wir reden hier also im Grunde genommen von den sog. Armutsflüchtlingen, denen man aus Sicht unseres Parlamentes (auch die SPD hat dieses Thema immer wieder vorangetrieben) den Zugang nicht komplett verwehren möchte, denn man soll nicht denken, Deutschland hätte kein Mitgefühl. Der Zynismus an der Stelle ist allein deswegen schwer zu vermeiden, wenn man bedenkt, dass wir damit diejenigen Menschen meinen die Deutschland in den 90er Jahren im Rahmen von Kettenduldung jegliche Aufenthaltsperspektive verwehrte, obwohl der Krieg im ehemaligen Jugoslawien sich in seiner Grausamkeit vor keinem anderen Krieg verstecken musste. Gehen wir noch weiter zurück, müssen wir auch feststellen, dass nicht wenige der Betroffenen der 90er Roma waren, wo die historische Verantwortung der Deutschen schnell nach 1945 vergessen war.

Wir reden aber auch von Menschen aus Guinea, aus den Maghreb Staaten und vielen anderen Ländern, wo Armut nicht nur wenig bis kein Essen oder fehlende Krankenversorgung bedeutet. Armut bedeutet auch, dass Gewalt und Kriminalität an Stellenwert gewinnen und sich um das Wenige umso brutaler gestritten wird und sich letzten Endes die Schwachen nicht nur nicht wehren können, sondern durchaus vergleichbar in lebensbedrohlichen Situationen eines Krieges befinden. Ein Krieg ums tägliche Überleben.

Nun sollen diese Menschen aber nicht vergessen sein und es soll ein Einwanderungsgesetz für sie auf den Weg gebracht werden. So kann es nur gemeint sein, denn für jemanden mit einem Schutzstatus darf weder die Qualifikation, noch die Jobperspektive ausschlaggebend sein. Dies ist nicht umsonst kein Teil der Prüfung im Asylverfahren.

Wer würde denn aber von einem solchen Einwanderungsgesetz profitieren? Diejenigen, die einen Zugang zu Bildung haben. Diejenigen, die das Privileg hatten sich eine neue Sprache aneignen zu können. Diejenigen, die ohnehin schon in ihrem Land die besten Chancen hatten.

Bekämpfen wir auf diese Weise Fluchtursachen? Oder werden diese dadurch nicht eigentlich viel mehr verstärkt, da man sowohl die Vetternwirtschaft innerhalb der Länder durch das Angebot an Arbeitsmigration fördert, als auch die Menschen zu locken, die am besten zu einer Volkswirtschaft beitragen können. Sie sollen aber eben lieber zur deutschen Volkswirtschaft beitragen und nachdem man dieses Prinzip bereits im Rahmen des Kolonialismus hervorragend umsetzte, kann dieses Prinzip aus Sicht des Profitierenden sicher nicht falsch sein.

Es werden aber ganz sicher keine Chancen für Menschen eröffnet, die in ihrem Land keine Chance sahen und sich in den vergangenen Jahren aus diesem Grund nach Deutschland aufmachten, nicht weil es in ihren Ländern etwas schwerer war, sondern, weil ihr Überleben, mindesten in einer zivilisierten Vorstellung, gefährdet war.

Daher dann eine Bitte; wenn von einem Einwanderungsgesetz gesprochen wird, dann doch bitte so ehrlich, dass es einzig um den eigenen deutschen Vorteil geht und ganz sicher nicht den Menschen oder den Ländern selbst zu helfen.

Die eindringlichere Bitte dann zum Schluss. Wenn die 200 000 erreicht sind, wäre der Verweis auf ein Einwanderungsgesetz eine noch größere Farce, als es ohnehin schon ist, wenn das Thema immer dann groß gemacht wird, wenn man meint, dass man nun eigentlich schon genug Menschen Schutz biete.

Eine kurze statistische Aufbereitung der Asylzahlen 2016

Asylzahlen 2016:

Entscheidungen insgesamt: 695.733

Davon sind 256.136 mit Flüchtlingseigenschaft entschieden worden. Das ist also die mit Abstand größte Gruppe.

2.120 mit Asyl.*

153.700 haben subsidiären Schutz erhalten.

24.084 haben Abschiebeverbote bekommen, was ebenfalls zu einem humanitären Aufenthalt, dann gem. § 25 Abs. 3 AufenthG führt.

Abgelehnt worden 173.846, wobei hier nicht berücksichtigt wird, dass dagegen geklagt werden kann und diese ggf. vorm Verwaltungsgericht korrigiert worden.

Das ergibt eine unbereinigte Gesamtschutzquote von 62,7 %. Die bereinigte Gesamtschutzquote beträgt sogar 71,7%. Die bereinigte Gesamtschutzquote lässt formellen Entscheidungen, als Entscheidungen ohne inhaltliche Feststellungen zu Schutzbelangen, unberücksichtigt. Das sind z.B. Dublin Entscheidungen. Hier ein Link zu einer kleinen Anfrage der LINKEN zu diesem Thema vom 20.07.2017.**

Also wurden fast 3/4 aller inhaltlichen Entscheidungen vom BAMF 2016 positiv entschieden.

Dazu wurden 2016 nochmal 29,4% aller inhaltlich entschiedener Klagen gegen Ablehnungen des BAMF von Verwaltungsgerichten mit einem Schutzstatus korrigiert (S. 58 im Link).

Entwicklung der Anerkennungsquote:

Hier kann man zusätzlich noch folgende Beobachtung, bzgl. der Entwicklung der Zahlen hinsichtlich der ab 09/2015 gekommenen Asylsuchenden, machen:

Die Gesamtschutzquote ist von 50,5% (2015) auf 62,7% (2016) gestiegen. Die bereinigte Gesamtschutzquote ist von 61,5% (2015) auf 71,7% (2016), also um ziemlich genau 10% gestiegen.

Ablehnungen sind im Vergleich zu 2015 von 32,4% auf 25% gefallen. (Also mindestens der Anteil nicht Schutzberechtigter ist um fast 10% gesunken). Verglichen mit 2012 (49,7%) hat sich die Quote derjenigen Asylsuchenden, von denen fast die Hälfte aller Asylentscheidungen negativ waren, auf ¼ reduziert.

Die Behauptung man würde mehrheitlich Menschen aufnehmen, die nicht schutzwürdig seien, kann man statistisch also nicht belegen. Im Gegenteil ist mittelfristig der Anteil an Schutzbedürftigen enorm gestiegen und macht auch sehr deutlich die Mehrheit aus.

Quelle: Tabelle S. 11 http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-dezember-2016.pdf?__blob=publicationFile

*Dazu muss man sagen, dass Asyl nur für Asylbewerber möglich ist, die direkt mit dem Flugzeug gekommen sind (Art. 16a Abs. 2 GG; sichere Drittstaatenregelung), was sich wiederum die wenigsten leisten konnten.

**Die Diskrepanz meiner Rechung um 0,3% müsste sich daraus erklären, dass die kleine Anfrage die Asylzahlen vom Februar zu grunde lagen, auf den oben genannten Link ist im Kontext dieses Artikel im September zugegriffen worden.

On the Edge of Collapsing

Ich möchte an dieser Stelle auf ein Essay verweisen, dass versucht den aktuellen Zeitgeist zu skizzieren und konstruktiv zu kritisieren. In Zeiten wo Demokratie gefährdet ist und Antidemokraten wie Trump, Erdogan, Putin und ihre europäischen Pendants mit Le Pen, Wilders, Gauland, Petry oder Höcke nicht nur gewinnen, wenn sie gewählt werden, sondern diese Ängste bedienen und schüren, die das verhindern, was eigentlich behauptet wird: Gerechtigkeit.

So schafft es auch die SPD nach der dritten verlorenen Wahl, diesmal im Stammland NRW die Losung zu Gerechtigkeit, Europa und Zukunft auszurufen. Was dahinter steckt unterscheidet sich weder von Merkel als Person, noch der CDU als Partei. Wo ist das eigenständige Profil der angeblichen Arbeiterpartei? Wo ist in Zeiten, wo Demokratie und Rechtsstaat in Gefahr sind, die Reaktion, der Plan oder das Konzept? Im jüngst veröffentlichten Entwurf des Wahlprogramms (Download hier) lässt sich jedenfalls schwer ein eigenständiger Weg erkennen. So redet die SPD zwar u.a. vom Sozialstaat und meint mit der Floskel weniger Arbeitslose, sei alles gesagt, aber wo ist denn die Positionierung zu den eigens verantwortlichen atypischen Beschäftigungsverhältnissen, wie Befristung, Leih- und Teilzeitarbeit, Mini- und Midijobs und andere mit den Hartz-Reformen initiierte Beschäftigungsformen, die den Niedriglohnsektor stärkten und heute und in Zukunft in die Prekarität führen oder den Verbleib in selbiger besiegeln.

Wo ist die ernsthafte und funktionsfähige parlamentarische Opposition, wenn Martin Schulz die GroKo ganz toll findet, nur jetzt selber gerne Kanzler wäre?

Wir leben in Zeiten, wo demokratischen Verständnis nicht nur an Extremisten scheitert. Wir scheitern an unserer eigenen Arroganz zu glauben wir wären soviel weiter entwickelt als vor 100 Jahren. Dabei kriegen wir es nicht einmal hin vernünftig miteinander zu reden.

Es gibt viele Schlagworte wie Demokratieverdrossenheit, Parteienverdrossenheit oder Politikverdrossenheit. Dabei steigen teilweise sogar Wahlbeteiligungen. Ist damit aber eine positive Entwicklung erkennbar, wenn in Onlineforen, Facebook oder sonstwo in den sozialen Medien z.T. blanker Hass regiert und Menschenrechte offensichtlich keine Bedeutung haben.

Es wurde immer mal wieder und auch zu Beginn der aufstrebende AfD nach einem „Aufstand der Anständigen“ verlangt, der dann am Wenigstens in den Parteien selber wiederzufinden ist.

Das Essay, wo versucht wird auf 25 Seiten die aktuelle Entwicklung der demokratischen Gesellschaften, insbesondere Deutschlands in seinen Problemen auf den Punkt zu bringen, findet ihr hier:

On the Edge of Collapsing

Werte, Inhalte und Wertlosigkeit

Ohne jede Begründung ist ein Beitrag, wie er aktuell so oft und laut in die Öffentlichkeit getragen wird sinnlos.

Im Sinne, eines der Demokratie wünschenswerten zivilgesellschaftlichen Diskurses, ist er dann sogar wertlos.

Wertlos, daher, weil ein unbegründetes Postulat, Diskussion nur aufhalten und nicht weiter bringen kann.

Es wirkt destruktiv, statt konstruktiv, denn letztlich kann man sich inhaltlich nur streiten, wenn man die Begründungen, also dahinter stehende Argumente gegeneinander abwägt um die Chance zuzulassen, dass das bessere Argument überzeugen kann.

Wer gar nicht erst bereit ist, sich im Zweifel, überzeugen zu lassen, der verwehrt sich einem öffentlichen Diskurs und lässt eine Motivation vermuten, dass es bei dem Beitrag nur darum geht, Stimmung zu machen und nicht ernsthaft daran Interesse zeigt, sicherlich immer vorhandende gesellschaftliche Probleme und Konflikte, korrigieren zu wollen.

Wenn es schon kein Vertrauen mehr in parlamentarische Politik gibt, kann ein demokratischer Weg, nur der sein, der sich über eine Zivilgesellschaft und damit einen zivilgesellschaftlichen Diskurs konstituiert.

Der ist aber ohne Inhalt zum Scheitern verdammt und kann dann nur, im nun unüberwindbaren Konflikt enden, der dann eines nicht mehr sein kann, lediglich ein verbaler Konflikt – eine diskursive Auseinandersetzung.

Es müsste zwangsläufig zu einem gewalttätigen Konflikt kommen, wenn man sich kollektiv darauf beschränken würde inhaltslose, unbegründete Meinungen ins Gefecht zu führen und damit jede Chance auf friedliche Lösungen von sozialen Konflikten aufgeben würde.

Traurige und beängstigende Aussichten!

Was erlauben Westen!

In der heutigen Welt, insbesondere in der westlichen Welt des Wohlstands und der demokratischen Konstitutionen, wird derzeit viel über Werte und Freiheit geredet.

Ist das wirklich so?

Reden wir miteinander? Oder sind es nicht viel mehr aneinander gereihte Behauptungen, wir hätten Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nach Innen und Außen etabliert und eine Bedrohung selbiger könne nur durch Menschen entstehen, die diesen Schritt gesellschaftlicher Evolution nicht abgeschlossen hätten.
Die Basis jedes demokratischen Handelns ist die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Diskurs. Das bedeutet, dass auch sich gegenüber stehende Meinungspositionen bereit sind, dem anderen zuzuhören und sich die Mühe zu machen es zu verstehen. Ein Diskurs wird dann konstruktiv, wenn er den Raum preisgibt, welcher Überzeugung und Konsens, aber auch Kompromiss zulässt. Habermas spricht in diesem Zusammenhang im Rahmen seines deliberativen Demokratie Modells vom „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“.

Eine Demokratie die vergessen oder vielleicht nie gelernt hat Dinge auszuhandeln, ist keine Demokratie; sie ist eine elektorale Herrschaftsform. Es ist eine hohle Form und Illusion von einer Gesellschaft „ruled by the people“. Der Kern einer Demokratie muss eine Zivilgesellschaft sein, die sicherlich nicht homogen sein kann oder sein muss, aber eben insofern auf dem gleichen Level operierend, dass der Diskurs konstruktiv und nicht destruktiv ist.
Ein Diskurs der Destruktivität zerstört jede demokratische Ambition und konterkariert das Label Demokratie, was dann einzig an der Möglichkeit zu Wählen festzumachen wäre, was aber dann nicht mehr, als die freiwillige Abgabe der Macht an relativ unbeeinflusste Akteure ist. Gut bleibt dann, dass diese Wahl in regelmäßigen Abständen überprüft wird, schlecht, dass der Demokratie an sich Resignation gegenüber steht.

Wie sieht aber der Diskurs in den westlichen Staaten aus? Es werden Identitäten und politische Position gegenüber gestellt und man hat das Gefühl, wer am lautesten brüllt, bekommt am Meisten Gehör. Es gilt Privilegien mit dem Messer zwischen den Zähnen zu verteidigen. Wohlstand wird gefährdet gefühlt, aber eine ernsthafte, im Sinne einer dezidierten genauso wie einer vollständigen Diskussion um das Wirtschaftssystem liegt trotzdem in weiter Ferne. So wird der Wohlstand, der mit der 2008 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, als eigener Verdienst wahrgenommen und ins Visier der „besorgten“ Bürger rücken Menschen, die es weniger verdient hätten. Dabei wird das Privileg zufälliger Geburt in ein Wohlstandsland mit den damit verbundenen Chancen nicht reflektiert, sondern lediglich beansprucht.

Der zivilisatorische Entwicklungsgrad lässt sich sehr gut am Umgang mit den Schwächeren ablesen und hier schneiden die westlichen „Demokratien“ derzeit alles andere als gut ab, wenn diejenigen, die nicht nur die Wahlergebnisse zunehmend gewinnen, sondern auch Politikinhalte definieren, Akteure sind, die das angesprochene Messer zwischen den Zähnen als demokratische Pflicht des Widerstands verkaufen wollen. Die Le Pens, Wilders, Trumps und Petrys sind diejenigen, die Schwächeren wie Flüchtlingen, aber auch den ökonomischen Verlierern des Kapitalismus, die sich dann eben nicht genug angestrengt hätten und damit selber Schuld oder zu faul oder sonst was seien, keine Hand reichen wollen, sondern diesen unmissverständlich ihren Platz weit weg vom Wohlstand zuweisen.

Wer Partei für diese Schwächeren Parteien ergreift und dies mit den Argumenten begründet, woraus sich Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Humanismus speisen, wird an den Pranger der Lächerlichkeit gestellt zu ignorieren was für Barbaren im Kontext Flüchtlinge, da eigentlich kämen.

Nun mag es sogar sein, dass fehlende Privilegien und fehlender Wohlstand, sondern im Gegenteil Unterdrückung und ein täglicher Kampf des Überlebens nicht das Beste im Menschen hervor bringen. Nur was sagt es über eine Aufnahmegesellschaft aus, wenn diese sich selbst nicht zutraut diese Menschen besser zu prägen? Ist es nicht vielmehr so, dass der weiterhin auch in westlichen Staaten unterentwickelte Zivilisationsgrad, dem Pessimismus die einzige Substanz, ab von Vorurteilen und Pauschalisierung gibt, zivilisatorische Defizite nicht auffangen zu können, da man selber nicht nur damit weiterhin beschäftigt ist, sondern im Inbegriff ist, diese Defizite auf Basis von Emotionen und fehlenden Erkenntnissen zu vergrößern.

Wie angesprochen haben es auch die westlichen Gesellschaften nicht gelernt miteinander, statt gegeneinander zu kommunizieren. Solidarität wird weiterhin dem Konkurrenzprinzip und dem eigenen Egoismus untergeordnet. Auch wenn man sich als Gemeinschaft postuliert, zählt im Grunde genommen weiter das individuelle Interesse, ob nun unter Arbeitnehmern bzw. Kollegen, als auch im supranationalen Sinne, wie es die EU in den letzten Jahren eindrucksvoll unter Beweis stellt. Und sich von einem besseren Argument überzeugen zu lassen, ist aktuell keiner wirklich bereit.

Warum sollen Menschen in einer solchen Atmosphäre besser werden als wir es selbst nicht mal sind? Wenn wir selbst nicht in der Lage sind homophobe, sexistische und rassistische Abgründe zu überwinden, sondern im Gegenteil wenn wir irgendetwas gefährdet sehen/fühlen, gerade diese Abgründe erneut offenbaren; warum erwarten wir dies von Menschen deren soziale Prägung ihnen wesentlich weniger Ressourcen bereit stellte sich entsprechen zu entwickeln und zu reflektieren?

Ohne Frage wäre Fehlverhalten massiv zu kritisieren, wenn sich im nahen und weiten Umfeld durchweg einwandfrei verhalten würde und es jedem mit gesunden Menschenverstand auffallen müsste; so geht das nicht! Einen derartigen Vorsprung zivilisatorischen Entwicklungsgrades gibt es aber nicht. Das heißt natürlich nicht, dass nun jedes Fehlverhalten unkritisiert bleiben müsste. Aber die Kritik muss insofern richtig eingeordnet werden, dass deutlich wird, sich selbst in keinster Weise überhöhen zu dürfen, denn die westlichen Nationen bieten nicht die Vorbildfunktionen, die sie gerne verkaufen wollen.

Die Europäische Idee am Scheideweg

Im Verhalten zu bzw. im Umgang mit Griechenland, seitens der Führung der Europäischen Union, wird aktuell sehr deutlich, wie sich die Wahrnehmung der „Europäischen Idee“ in Bezug auf die Vorstellung, was eine Gemeinschaft sein soll, positioniert.

Die (wirtschaftliche) Situation Griechenlands ist geprägt durch die Politik und Entwicklung nicht der jüngsten Vergangenheit, sondern derjenigen, die bereits vor und mit dem Beginn bzw. der Einführung des gemeinschaftlichen europäischen Währungsraumes einsetzte. Griechenlands Wirtschaftsniveau gehörte von Beginn an zu den schlechteren der inkludierten Staaten, was auch mit fehlender Transparenz Griechenlands hinsichtlich der damals vorgelegten Zahlen offensichtlich war. Der Euro nicht einzig ein Wirtschaftsprojekt, sondern eine politische Manifestation, der sich selbst kapitalistisch definierenden Gemeinschaft, wollte schwache Volkswirtschaften im Namen der „Europäischen Idee“ aushalten. Davon abgesehen, dass die großen Volkswirtschaften Europas selbstverständlich von der Eingliederung der Schwächeren im Sinne von niedrigschwelligen und damit kostengünstigeren Absatzmärkten profitieren, sollte von Beginn an klar gewesen sein, dass der Euro eine Maßnahme gemeinsamer politischer Identität war und genau deswegen, die bereits frühen Bedenken unterschiedlichste europäische Volkswirtschaften zentralisiert vereinheitlichen zu können, als Risiko akzeptierte.

Die Krise der griechische Wirtschaft hat sich, insbesondere in Folge der sich 2008 globalisierenden Finanzkrise, soweit verschärft, dass sie selbst nicht mehr in der Lage waren ihre sicherlich vorher geschaffenen Probleme aus eigener Kraft zu bewältigen. Dieses „Schicksal“ ereilte in diesem Zeitraum aber nicht nur Griechenland, sondern auch weitere Mitglieder der Eurozone, worin sich erstmals deutlich zeigte, dass der gemeinsame europäische Währungsraum von außen erschüttert und damit seine inneren Probleme beschleunigt werden können. Die Problemlage Griechenlands war dann wahrscheinlich nicht nur die am tiefsten verwurzelte, sondern auch diejenige, die am schwersten zu beheben war, da die eigene autarke Leistungsfähigkeit Griechenlands am geringsten entwickelt gewesen ist.

Die Hilfsgelder in Kooperation mit Austeritätspolitik konnte die Volkswirtschaften z.B. Irlands, Portugals oder Italiens vorerst konsolidieren, aber dies erstens auf dem Rücken der Bevölkerung und zweitens mit sicherlich noch unbekannter Nachhaltigkeit.

Griechenland folgte diesem Wirtschaftspolitikkurs lange Zeit ohne große Widerworte. Doch es besserte sich trotz auferlegtem Spardiktates wenig bis gar nichts. Dass für jede Volkswirtschaft existenziell notwendige Wirtschaftswachstum blieb weiterhin aus, die Abwärtsspirale drehte sich zu Lasten der breiten Bevölkerung weiter.

Der entscheidende Punkt an dieser Stelle, scheint mir die Frage, ob es konstruktive Reformvorschläge für die Initiierung von Wirtschaftswachstum basierend auf Reizverstärkung für Investitionswillen einerseits und/oder Reformvorschläge für eine konkrete und nachhaltige Auflösung von Wachstumshindernissen wie Korruption oder aufgeblähter Verwaltungsstrukturen andererseits gab?

Genau diese werden in der öffentlichen Debatte genauso wie im Diskurs des politischen Prozess vehement von der aktuellen Regierung eingefordert. Angeboten werden aber seitens der Troika nur verschiedene Varianten von bereits gescheiterter Austeritätspolitik, garniert mit Mahnungen doch Reformen einzuleiten, die z.B. die Korruption beheben sollen. Letzteres verbleibt in der Konkretheit eines Schlagwortes und fließt meines Wissens nicht im Ansatz als detailliert ausgearbeiteter Vorschlag in die Forderungen der Troika ein.

Dabei sollte man sich vergegenwärtigen, dass das Problem der Korruption einmal in Struktur und Bewusstsein etabliert sehr schwer wieder aufzulösen ist. Schaut man sich Staaten an, die mit dieser Problematik zu kämpfen haben, wird klar, dass es sich bei der Problemlösung nicht um eine Ad-Hoc Maßnahme handeln kann, sondern einer langfristigen Strategie bedarf, welche nicht am Mangel von Geduld rückzahlungserwartender Akteure orientiert sein kann.

Was wären aber konkrete Ansätze Korruption zu minimieren? Zum einen sind es Maßnahmen in den eigenen staatlichen Strukturen gegen Korruption zu sensibilisieren und zum anderen Kontrollmechanismen zu installieren. Ersteres könnte noch relativ kostengünstig umgesetzt werden, wobei klar ist, dass dies Teil einer langfristigen Strategie zur Änderung des Bewusstseins ist, die allerdings zwangsläufig einhergehen muss mit der Installation von Kontrollmechanismen, damit diese einen nachhaltigen Erfolg haben können. Diese Nachhaltigkeit ist dann nicht auf 2, 5 oder 10 Jahre ausgelegt, sondern selbstverständlich erst über Generationen wirksam und damit für die Troika nicht zufriedenstellend, da kurzfristige Erfolgsmöglichkeiten ausgeschlossen werden können. Die notwendigen Kontrollmechanismen, also der Aufbau von Institution zur Identifikation und Verfolgung von Korruption wiederum verspricht einen durchaus schnelleren Erfolg, würde aber erst mal eine erhebliche Investition benötigen, also kein Geld generieren, sondern verbrauchen.

Hier wird der Widerspruch der Ausrichtung zur Austerität sehr deutlich und begründet meiner Meinung nach, warum es eben keine konkreten Reformvorschläge der Troika ab vom Spardiktat gab und gibt, denn dies würde eben nicht im Sinne vereinbarter Rückzahlungsmodalitäten wirken.

Das bringt uns aber nun zurück zum Gedanken, in welchem Verhältnis der Umgang mit Griechenland zu einer, wie auch immer gearteten, „Europäischen Idee“ liegt.

Griechenland steht am Pranger, weil sie, z.T. auch selbstverschuldet, nicht in der Lage sind den Verbindlichkeiten gegenüber den europäischen Partnern nachzukommen. Die Realität scheint aber inzwischen zu sein, dass Griechenland im gegebenen Zeitraum endgültig nicht dazu in der Lage sein wird. Die Konsequenz ist die Diskussion und der immer konkreter werdende Plan bzw. die Absicht, Griechenland aus der Eurozone zu entlassen; der sog. Grexit.

Eine Kapitulation, Griechenland nicht mehr helfen zu können. Nein. Es muss heißen: Eine Kapitulation Griechenland nicht mehr helfen zu können?

Angesichts der weiterhin bestehenden europäischen Möglichkeiten, ist es vielmehr eine Frage des Willens als des Könnens. Natürlich kann man Griechenland helfen. Ein Schuldenschnitt wäre hier ein Anfang um die aktuell immens erdrückende Last auf Griechenland ein stückweit zu reduzieren und das Land und damit seine Bevölkerung aufatmen zu lassen.

Aber nicht nur das, sondern eben auch die Maßnahmen möglich zu machen, die Griechenland braucht um nicht einzig Kredite zurückzahlen zu können, sondern die zunächst kostenverursachenden Maßnahmen einzuleiten, die sicherlich nicht heute und auch nicht nächste Woche Wirkung zeigen, aber dafür besser gestern als morgen nötig gewesen wären um überhaupt eine Zukunft Griechenlands in Aussicht zu stellen. (Eine Zukunft die auch der Grexit, angesichts des unterentwickelten griechischen Exportsektors, nicht in Aussicht stellen kann)

Darüber hinaus würde dies nicht nur bedeuten, dass der Standort durch nachhaltige Strategien vertrauenswürdiger werden könnte. Diese dann tendenziell uneigennützige Unterstützung seitens der europäischen Partner wäre eine Demonstration sich an der Seite Griechenlands zu positionieren, und zwar weil man zusammen eine Gemeinschaft sein will und dies unabhängig vom eigenen Profit. Ganz im Gegenteil zur aktuellen Einstellung müsste man bereit sein, ohne Hoffnung auf Wiedergutmachung, Opfer zu leisten um einem Partner zu helfen, selbst wenn dieser sich selbstverantwortlich in eine existenzielle Krise manövriert hatte. In Anbetracht, der nicht zu leugnenden Bedeutung der 2008er Weltwirtschaftskrise als essentiell verschärfendes Element sowie dem Festhalten an Austeritätspolitik gegenüber Griechenlands ohne Erfolgsaussichten, muss dies dann ohnehin in Frage gestellt werden, aber sollte im Kern des Gedanken im Sinne von heute sinnlosen Schuldzuweisungen keine Rolle spielen.

Dieser Kern ist, Gemeinschaft nicht als Zusammenschluss zum eigenen Vorteil zu verstehen, sondern als Kollektiv gemeinsam füreinander einzustehen, auch wenn dies bedeutet, dass die Stärkeren die Schwächeren erst mal auf ihre Kosten stützen. Diese Idee von Gemeinschaft wäre ein Zeichen, dass die „Europäische Idee“ mehr ist als nur der Versuch des Einzelnen das Beste für sich herauszuholen, sondern im Gegenteil eine Gemeinschaft anzustreben, welche solidarisch füreinander da ist.

Es wäre im Angesicht, der nicht zu leugnenden Systemkrise des Kapitalismus ein Schritt weg von der Prämisse des individuellen Konkurrenzprinzips hin zur Einsicht nur gemeinsam stark sein zu können. Ein Signal gegen die rechtspopulistischen Renationalisierungstendenzen und die überfällige Akzeptanz der maßgebenden Realität, dass die seit 7 Jahren offenbar gewordene Systemkrise nicht mehr im Muster von Keynes‘ oder Friedmans zu lösen ist, sondern mit einer Idee der Solidarität begegnet werden muss. Dies wäre ein Bekenntnis zu einer „Europäischen Idee“, welches sich nicht mehr an einen verzweifelten Versuch klammert unvermeidbares Scheitern zu korrigieren, sondern neue Weichen stellen würde, unsere Probleme der Gegenwart zukunftsorientiert mit neuem Grundsatz zu begegnen.

Seit wann ist Fremdenfeindlichkeit einzig ein Merkmal von Nazis?

Inzwischen sind es 15 000, die am vergangenen Montag gegen die Islamisierung des Abendlandes demonstriert haben. Was soll diese Islamisierung sein?

Bloße Zuwanderung von Muslimen kann damit wohl schlecht gemeint sein, zumal es in Sachsen ohnehin kaum Muslime gibt. Also muss es letztlich auch passender zum Begriff (und auch einigen Transparenten) eine Infiltration unseres Wertesystems sein. Da gibt es z.B. die Scharia, die angeblich eingeführt werden würde, nur ist davon weder im Straf- noch im Staatsrecht auch nur die geringste Spur von zu finden. Das im Rahmen des BGBs im Streit zwischen Zivilpersonen kulturelle Hintergründe berücksichtigt werden und somit quasi auch die Scharia in die Urteilsfindung mit eingebunden werden kann, ist richtig und m.M.n. auch fragwürdig, aber eben für die deutschen Demonstranten von Pegida völlig irrelevant.

Genauso irrelevant sind jugendliche Straftäter mit vermeintlich islamischem Hintergrund. Denn erstens ist es oft völlig unbekannt, ob die Täter überhaupt gläubig sind und zweitens gelten natürlich auch für diese Straftaten herkömmliche soziologische Erklärungsmuster. Hier wird also von Herkunft auf Religion geschlossen und diese Religion, dann mindestens als Hauptargument, sehr gerne aber auch als einziges Argument als Hintergrund der Tat verklärt. Soziale Prekarität, Bildungsferne oder gar Ausgrenzung werden entweder per se ausgeblendet oder ebenfalls als islamisch bedingt dargestellt.

Dann hört man immer wieder von Beispielen, die letztlich die Rücksichtnahme auf die islamische Religion darstellen (Gebetsräume o.ä.), die als eine Islamisierung wahrgenommen werden, auch wenn es sich hier schlicht um die Umsetzung von Religionsfreiheit handelt.

Wenn eine Islamisierung aber offensichtlich an den Haaren herbei gezogen ist, woher kommt dann diese „Furcht“?

Sie scheint sich bereits einzig aus der Anwesenheit von Muslimen in Deutschland zu ergeben. 4 Millionen Muslime gibt es in Deutschland, wovon der Großteil ganz normal, wie jeder andere Bürger in Deutschland schlecht oder auch besser lebt. Den Pegida Demonstranten geht es dann eben auch darum, dass Flüchtlinge (hier ein neuer Platzhalter für Fremde) mehr Beachtung als ihnen selbst geschenkt wird. Einige behaupten sogar mehr Fürsorge. Angesichts des rechtlichen Rahmens von Flüchtlingen eine absurde Aussage. Das bringt uns zu den Ängsten und Sorgen, die diese Demonstranten wohl treiben sollen.

Bisher scheint es nämlich vor allem zwei Perspektiven auf Pegida zu geben. Zum einen, dass es sich um rechtsextremes Gedankengut handeln würde und zum anderen, dass es sich um mehr oder weniger normale Bürger mit unberücksichtigten Ängsten und Sorgen handeln würde. Diese Sorgen sind neben Islamisierung und Flüchtlingen vor allem eine dem deutschen Volk gegenüber rücksichtslos agierende Politik zuzuordnen. Mehr von außen werden dann soziale Abstiegssorgen auf die Pegida projiziert um die es im Grunde genommen gehen würde und welche man dann auch ernst nehmen müsse.

Die Einstellung bzw. Ablehnung zur Politik wird dann daran verdeutlicht, dass der Vorwurf von Fremdenfeindlichkeit gegenüber Pegida seitens Medien und Politik ein unbegründetes und undemokratisches Meinungsverbot sei, welches exemplarisch für die Entfernung der Politik von Demokratie und damit den Werten des Abendlandes wäre. Dass hier niemand irgendwas verbietet ist dabei nicht weiter entscheidend, denn eine Diffamierung als Nazis sei dem gleichzusetzen. Die Beteiligung von bekannten Neonazis an den Protesten stört dabei dann aber nicht. Es regt nicht zur Reflexion der eigenen Positionen an; es führt nicht mal zu einer ernsthaften Distanzierung.

Die Haupt“sorgen“ von Pegida gegenüber der Politik sind also zum einen unverantwortliche Flüchtlings- bzw. Zuwanderungspolitik (hier wird nicht unterschieden) und der Tenor, der ihnen entgegen schlägt. Es gibt keine wahrzunehmenden Proteste gegen die Sozialpolitik in Deutschland, wie es logisch wäre, wenn die auf die Pegida projizierten Abstiegssorgen tatsächlich die wahre treibende Kraft wären.

Deshalb wird das Kind trotz aller Kritik gar nicht wirklich beim Namen genannt, welcher schlichtweg Fremdenfeindlichkeit ist. Das ist auch keineswegs gleichbedeutend mit Nazis, was für eine wunderbare Welt wäre es, wenn Fremdenfeindlichkeit nur von (deutschen) Nazis ausgeübt werden würde. Das einende Element dieses Protestes ist die Ablehnung fremder Menschen und weil dies so allgemein formuliert hässlich aussieht, sucht man sich eben einzelne Fremde heraus: Asylbewerber und Muslime. So machte schon die NPD aus „Ausländer raus“ --> „kriminelle Ausländer raus“. So wird dann auch betont, dass man eine Zuwanderung zum Nutzen Deutschlands ja keineswegs ablehne. Nur erstens schwingt dort ohnehin ein nationalistischer Unterton mit und zweitens wird diese Debatte immer wieder in den Rahmen der Asylgesetzgebung platziert, wo Verwertungslogik und Qualifikation vertreten werden, obwohl es um humanitäre Hilfestellung für politisch Verfolgte geht. Das Qualifikation im Rahmen der normalen Zuwanderung ein primäres Kriterium ist, will oder kann man dann seitens der Pegida nicht sehen.

Muss man nun nur weil die Zahl der Demonstranten groß ist und größer zu werden scheint unterschlagen, dass deren Position fremdenfeindlich sind, weil sie ja auch Sorgen haben. Natürlich gibt es soziale Ungerechtigkeiten, geringe Aufstiegschancen oder einen immer schwerer zugänglichen Arbeitsmarkt mit einem immer größer werdenden Anteil prekärer Beschäftigung.

Aber richten sich die Forderungen gegen die Hartz-Gesetzgebungen, die prekäre Beschäftigungsverhältnisse gefördert haben? Oder ist es eine Kritik am Bildungssystem?

Nein es richtet sich gegen Islamisierung, Flüchtlinge und angeblich deregulierte Zuwanderung. Selbst wenn es Sorgen gibt, die die Menschen auf die Straßen treibt, was in einer Demokratie nicht nur legitim, sondern wünschenswert ist, dann bleibt die Kanalisierung dieser Ängste als Protest gegen Fremde nicht nur fragwürdig, sondern Verurteilens wert. Und deswegen handelt es sich nicht um Nazis, wie sie empört von sich weisen (und damit gern Medien und Politik als meinungsverbietend darstellen), sondern um ganz normale fremdenfeindliche Bürger.

Dass diese milieuübergreifende Fremdenfeindlichkeit sowieso gefährlicher ist als die Position von marginalisierten Nazis würde die Erklärung es ginge ja nur um Sorgen von Bürgern relativieren. Nicht nur, dass sie sich den ja eigentlich wirklich marginalisierten Nazis als anschlussfähig präsentieren, sie zeigen, dass diffuse Abstiegsängste reichen, dass Fremdenfeindlichkeit in der Masse salonfähig ist und einzig die Sprachcodes verschleiern die Dimension.

Das es tatsächlich auch um irrationale Überfremdungsängste geht zeigt sich auch in Interviews von Panorama

Aber solange nicht jeder gefragt wird bleibt es wohl die manipulierende Lügenpresse.

Ein deutsches Tabu

Die aktuelle Nah-Ost Debatte wird emotional diskutiert. Die Opfer unter den Palästinensern sollen nicht hingenommen werden. Israel wird in die Pflicht genommen; Israel wird kritisiert; Israel wird angeklagt. Eine Emotionalität ist, dass man sich Israelkritik nicht unter einem unbegründeten Vorwurf des Antisemitismus verbieten lassen wolle.

Wird denn Israelkritik per se verboten? Spielt Antisemitismus wirklich keine Rolle?

Man könnte annehmen, dass vor dem Hintergrund der zivilen Opfer, schlicht nur der „Underdog“ unterstützt werden soll. Darf man dann aber Hamas zu einem Produkt israelischen Handelns verklären? Darf man Israel dann Völkermord unterstellen?

Es ist die Einseitigkeit von einer bestimmten Form der Israelkritik die aufhorchen lässt. Hier wird nicht versucht einen Konflikt zu beurteilen. Es wird eine Anklage formuliert die z.T., aber nicht als Ausnahme, auf die Existenz Israels auf dem Land der Palästinenser zurückgeht. Gemäßigter wird auf den Sechs-Tage-Krieg verwiesen, eindeutiger wird auch das Existenzrecht an sich zur Disposition gestellt. Somit wird immer wieder Antisemitismus als israelischer Gründungs- und Handlungshintergrund unterschlagen. Ihre militärische Überlegenheit wird zu einem Unrecht erklärt und mit den zivilen Opfern argumentiert oder präziser emotionalisiert und damit wird sie eben nicht als Notwendigkeit anerkannt, die aus der Bedrohung der antisemitischen Akteure der Region gewachsen ist.

Was ist denn aber jetzt antisemitisch daran Israel zu kritisieren? Nun eben diese Ausblendung von rahmengebenden Antisemitismus nährt den Verdacht, dass eine solche Anklage Israels nicht den Zweck einer Beurteilung verfolgt, sondern akteurszentriert anklagen will. Dieser Akteur ist dann der Judenstaat. Israel mag dann weniger antisemitisch klingen, aber warum gibt es so viele die explizit diesen Konflikt kommentieren wollen und dabei nicht in der Lage sind nicht-israelisches Unrecht miteinzubeziehen?

An dieser Stelle möchte ich etwas weiter ausholen. So ist der Sprachgebrauch auf Demos von arabisch-stämmigen Menschen durchaus unterschiedlich. Hier wird deutlich gemacht, dass es nicht nur um Israel geht. Es geht um die Juden. Das ist ein Begriff, welcher in Deutschland niemand gerne benutzt. Die dahinter stehende Kritik, des völkermordenden Unrechtsstaates wird aber im Gegensatz zur Begrifflichkeit weitestgehend geteilt. Wenn jetzt aber von Juden gesprochen wird, dann wird sich in der deutschen Öffentlichkeit distanziert. Manche finden übereinstimmend mit den Inhalten, dass es sich um verbale Entgleisungen handelt, die der Kritik nicht nutzen. Andere sagen, dass man dies natürlich nicht sagen könne, denn wenn man Juden meint, dann wird es antisemitisch.

Aber ist es wirklich nicht antisemitisch, wenn nur der Begriff Jude fehlt?

Ich glaube hier muss man sich dann doch auf die deutsche Geschichte beziehen, was große Teile der Gesellschaft für alles andere als heute noch angebracht halten, schließlich habe man die Generationen der Nazis nun langsam mal überlebt. Was ist aber das Erbe der Nationalsozialisten? Ich denke der Holocaust kann aufgrund seiner unfassbaren Unmenschlichkeit nicht ohne Nachhaltigkeit auf das deutsche (Geschichts-)Bewusstsein gewirkt haben. Da würden mir wahrscheinlich erstmal die wenigsten widersprechen.

Der Holocaust ließ den Antisemitismus in Deutschland (und auch darüber hinaus) nicht mehr ignorieren. Antisemitismus musste als Teil der deutschen Geschichte anerkannt werden, dies machte allein schon die Niederlage des 2. Weltkrieges unumgänglich, die eine Leugnung unmöglich machte. Hier sehe ich einen essentiellen Unterschied zu allen anderen Ländern, wo kein antisemitisches „Ereignis“ belastete, auch wenn der Holocaust insbesondere in Europa die Leugnung von Antisemitismus schwer machte, aber dort konnte man sich zur Not darauf zurückziehen, dass es ein deutsches Problem ist.

Die deutsche Gesellschaft hingegen stand damit unter einer nachhaltigen Anklage. Sicherlich wird es auch neben einem (auferlegten) Schuldbewusstsein, auch eine Scham gewesen sein, die verhinderte das Thema Antisemitismus überhaupt anzusprechen. Schweigen war die Losung um die eigene Geschichte hinter sich zu lassen. Hier behaupte ich, dass mit dieser Scham, mit dieser Verdrängung ein Wort aus dem deutschen Sprachschatz verschwand: Jude. Dieses Wort in einem wertenden Kontext in den Mund zu nehmen, fühlte sich an, wie den Holocaust, diesen Schandfleck der eigenen Vergangenheit zu benennen. Das Wort Jude wurde zum Tabu. Nicht von Außen, nicht der Antisemitismus, sondern um sich selbst erst gar nicht in Verdacht zu bringen in der Tradition der Holocausttäter zu stehen. Dies galt dann wohl für Beteiligte genauso, wie für die, die wegschauten.

Was hat das nun zur Folge? Es hat eben nicht zur Folge, dass antisemitische Klischees oder Denkmuster verschwanden oder hinterfragt wurden, es hatte lediglich zur Folge, dass diese aus dem öffentlichen Diskurs verschwanden. Es hatte zur Folge, dass man sich genau überlegte was man sagt um den Verdacht nicht zu begründen. Allererste Priorität war es somit Jude nicht mehr in den Mund zu nehmen, denn hier war klar, dass jede Wertung mit diesem Wort einen Vorwurf nach sich ziehen könnte.

Wann und vielmehr von wem, tauchte dann die erste Israelkritik auf, die erneut Juden zu Täter machte. Von der antiimperialistischen Linken. Das konnte nur logisch sein, denn man sich eben nicht als Teil der deutschen Historie, als Erbe des Nationalsozialismus sah, sondern im Gegenteil als diejenigen, die eben eine gescheiterte Entnazifizierung thematisierten, diejenigen, die Deutschland ihre Historie weiter vorwarfen, weil sie eben nicht vergangen war.

Das Tabu bröckelte dann in deren Reihen. Juden wollte man zwar nach wie vor nicht kritisieren, aber Israels Sechs-Tage-Krieg, der US-amerikanische Krieg in Vietnam, da wollte man als Linke nicht schweigen. Aber warum Israel? Israel handelte aus der konkreten Bedrohung durch Ägypten. Die präventive Dimension seitens Israels im Sechs-Tage Krieg ließ die Einordnung deren Handelns allerdings Aktion statt Reaktion möglich werden. Damit konnte Israel vom Antisemitismus gelöst betrachtet werden. Die Israelkritik war geboren, die eines wieder möglich machte, die Benennung von Juden als Täter und das Wort Jude konnte weiter unausgesprochen bleiben.

Das soll jetzt in keinster Weise bedeuten, dass im Nachkriegs-Deutschland nur die Linken antisemitisch waren. Nur waren sie die ersten, die sich von der deutschen Vergangenheit „emanzipierten“. Daher waren sie auch folgerichtig die ersten, die sich nicht mehr für die deutsche Vergangenheit schämten. Sie griffen sie an, sie benutzten sie in ihrer Kritik gegenüber der deutschen Gesellschaft. Zugleich machte dies aber Platz für die alten Denkmuster, diesen perfiden Antisemitismus, der so oft als vermeintliche Wahrheit in so unterschiedlichen Facetten daher kam.

Die Renaissance oder vielmehr Etablierung dieser Israelkritik etablierte sich in weiteren Teilen der Gesellschaft sukzessiv nach der deutschen Widervereinigung. Inzwischen verstärkte sich das Motto, dass die deutsche Vergangenheit, der Vergangenheit angehöre. Die nun dritte Generation nach dem Nationalsozialismus fing an sich im öffentlichen Diskurs wieder zu finden. Weder müsse man sich für die Taten der Großväter noch rechtfertigen, noch sei Antisemitismus ein aktuelles Problem der deutschen Gesellschaft. Denn das Wort Jude nahm nach wie vor höchstens ganz vorsichtig in den Mund. Die Kritik an Israel hingegen wurde immer breiter, immer lauter. 1993 scheiterte der Friedensprozess in Olso sehr einfach gesagt am Mord Rabins durch einen jüdischen Fundamentalisten. Die beiden Intifadas machten eine klare Positionierung noch schwer.

In den 2000er aber dann wurden die Maßnahmen Israels gegen den Terror zunehmend mit Worten wie Apartheid kategorisiert. Hier stützen sich auch nicht ausgesprochene Linke darauf wahrscheinlich primär unterbewusst, dass diese Meinung nicht aus der rechten Ecke kam, sondern ja von Linken, von Antifaschisten, Antisemitismus in dieser Meinung zu reflektieren, war somit unbegründet oder ohne Anlass. Und noch ein Indiz war ja in diesem Sinne gegeben, es wurde Israel kritisiert; das Wort Jude tauchte weiterhin nicht auf. Der in dieser Zeit beginnende innerlinke Diskurs zum Antisemitismus im Anti-Imperialismus blieb der bürgerlichen Mitte verborgen.

Und ich betone an dieser Stelle noch einmal, nicht jede Israelkritik, sondern die Form der Kritik, die Antisemitismus als Rahmenbedingung unterschlägt und einseitig zu einer Anklage Israels führt (es gab sicherlich auch in der anti-imperialistischen Linken und auch aktuell Israelkritiker, die differenziert argumentieren ohne auf antisemitische Denkmuster zurück zu greifen) ist gemeint. Diese Israelkritik ist der inhaltliche Unterbau, der auch dem Antisemitismus der Hamas, des Irans oder den aktuellen Demonstrationen zu Grunde liegt. Die palästinensischen Opfer des Täters Israels.

Diese Demonstrationen in Deutschland werden jetzt kritisiert. Über diese Demonstrationen wird sich jetzt empört, nicht weil die Kritik nicht geteilt wird, sondern weil die Wortwahl die falsche sei. Die arabisch-stämmigen Demonstrierenden brechen ein deutsches Tabu, sie benutzen das Wort Jude. Damit wird es schwer, das wissen wir Deutschen, ganz schwer sich vom Antisemitismus zu distanzieren. Dass allerdings in der Öffentlichkeit aktuell auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft oder zu Beginn des Konfliktes ebenso in den Leitmedien, die Rolle Israels oft genug die eines Aggressors und damit eines Täters war und ist, nein das sei kein Antisemitismus, denn es gehe einzig um eine Kritik am staatlichen Handeln Israels.

Genau, es geht nicht um die Meinung zu einem Konflikt. Es geht darum Israel zu kritisieren, was allzu oft in einer Anklage mündet, die ausspart warum Israel reagieren muss, weil sie von Antisemiten zur Vernichtung ausgegeben sind. Es muss dann kein Antisemitismus sein, es muss noch weniger eine bewusste antisemitische Agitation, aber es ist auch keine zufällige, willkürliche Undifferenziertheit.

Diese Israelkritik ist die Möglichkeit, die Chance für die verschwiegenen antisemitischen Denkmuster wieder zu Tage zu treten. Deswegen wehrt man sich so an den Holocaust erinnert zu werden, den Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt zu sein. Es würde weiter das begrenzen was jetzt lange genug unausgesprochen war. Deutschland hat die Vergangenheit abgelegt, hat die Scham des Holocaust überwunden, hat sich jetzt auch aus der Mitte von der Vergangenheit „emanzipiert“. Da gibt es keinen Grund mehr unsere Meinung nach Antisemitismus zu hinterfragen, hört doch in die Welt hinaus, sie spricht die gleiche Sprache, wenn es um Israel geht. Nur hat diese übrige Welt den Antisemitismus auch nicht aufgearbeitet, sie hat ihn zu großen Teilen nicht mal tabuisiert.

Wenn die deutsche Gesellschaft jetzt nicht anfängt sich wirklich bzgl. Antisemitismus zu reflektieren, sich harte Fragen zu stellen und ehrliche Antworten zu geben und eben nicht auf das Tabu zu referieren das Wort Jude nicht zu benutzen, dann wird eine Zeit kommen, wo auch dieses Tabu fallen wird; eine Zeit in der Antisemitismus wieder Tageslicht Deutschlands erreicht.

(Ich sehe mich hier nicht der deutschen Gesellschaft außen vor. Auch meine Israelkritik habe ich in der Vergangenheit weniger reflektiert und tendenziell als eine Anklage der Täterschaft gesehen. Und mir fällt es eben irgendwie merkwürdig schwer das Wort Juden zu benutzen, gesprochen noch mehr als geschrieben, aber warum? Ich sehe und sah mich nie als Antisemiten, warum soll ich dann nicht über Juden sprechen? Natürlich weil man aufhören sollte Menschen zu kategorisieren, aber das ist es nicht. Es ist die Angst was Falsches sagen zu können oder auch nur falsch verstanden zu werden, wo man doch kein Antisemit ist. Nur diese Angst lähmt überhaupt zu erkennen wo Antisemitismus dennoch sozialisiert wurde, denn zu meinen, dieser wäre überwunden und kein Teil von uns, ist der erste und schwerste Fehler.)

Die gesamtgesellschaftliche Dimension des Antisemitismus

Es ist bedenklich was die vergangenen Tage an offener Judenfeindlichkeit in Deutschland wieder zu sehen ist. Während dann z.B. die Berliner Staatsanwalt darüber nachdenkt und am Ende auch zu dem Schluss kommt, dass „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ auf zukünftigen Demos verboten sein soll, ist der Schaden längst da. Was ist der Schaden?

Der Schaden ist es, dass Menschen jüdischen Glaubens ihre jüdische Identität einmal mehr in Deutschland verstecken werden und auch müssen bezieht man nicht nur die aggressive Stimmung gegen sie ein, sondern vergegenwärtigt man sich auch der bereits am Rande von Demonstrationen ereigneten (versuchten) Angriffe. Der Gang mit Kippa zur Synagoge wird wieder undenkbar oder bedarf zumindest eines Mutes, der niemanden von Juden verlangen oder erwarten sollte.

Diese Auswüchse sind aber nicht einzig, wie man sich jetzt in Deutschland wieder einig zu sein scheint, die Ausgeburt islamischer Primitivität. Die Rechtspopulisten wittern wieder direkt ihre Chance alle Muslime über den Kamm zu scheren und für das „Feindbild Moslem“ die Werbetrommel zu rühren. Es sind Menschen mit arabischem Aussehen und wahrscheinlich auch muslimischen Glaubens, die die aggressive Atmosphäre gegen Juden gerade forcieren. Hier besteht bei einem Blick auf die Pro-Palästina Demonstrationen kein großer Zweifel. Hier kann es nicht sein, dass dies weiterhin ungestraft fortgesetzt werden kann. Aber es spielt hier m.M.n. nach noch ein weiterer Faktor rein. So sind diese Ausbrüche nicht im luftleeren Raum zur Überraschung aller entstanden.

Die Plattform wird z.T. sogar durch Teile der Mehrheitsbevölkerung geschaffen. So war es in Essen die Linksjugend Solid, welche zu einer Pro-Palästina Demo aufrief und dabei „vergessen“ hatte zum Thema Frieden im Nahostkonflikt die Hamas zu erwähnen oder gar zu kritisieren. Israel hingegen bekam die volle Ladung ab, wer den Krieg schürt. So wurde jetzt im Nachhinein gesagt, dass wäre getan wurden, doch Davidsterne mit Hakenkreuz, Plakate wie, „Gestern vermeintliche Opfer, Heute Täter“ waren dann bereits Teil ihrer Demonstration, die zu allem Überfluss auch noch eine Pro Israel-Gegen Hamas Demo angriff.

Diejenigen, die derzeit in der Öffentlichkeit den Juden wieder anprangern sind nicht derartig deutsch sozialisiert, dass sie im Gegensatz zu der Mehrheitsbevölkerung mit dem Tabu aufgewachsen wären „den Juden“ nicht mehr kritisieren zu dürfen. Breite Teile der deutschen Gesellschaft halten jedoch ihre Meinung dann wiederum zu Israel und in geringeren Teilen auch zum Zionismus allerdings nicht zurück. Hier ist diese Art der Einseitigkeit von Israelkritik, die u.a. die Essener Linksjugend demonstrierte, im gesamten Spektrum der Gesellschaft wieder zu finden. So würden viele dem Tenor auch der Berliner und anderer Demonstrationen zustimmen, wenn statt Jude eben Israel gesagt werden würde. Damit wäre es wieder in Ordnung, dass deutsche Tabu wäre erfüllt, den Juden an sich, den mag man nämlich. Nur den Judenstaat, der es auch noch heute wagt den Holocaust zu thematisieren oder andere Formen jüdischer Politik (der Zentralrat z.B.), die es unverständlicherweise wagen Antisemitismus zu rügen, diese Juden oder sagen „wir“ dann mal lieber Zionisten, die sind dann genauso ewiggestrig wie die Neofaschisten, da Antismeitismus in Deutschland der Verganheit vor 1945 angehört. Ein auch über die Muslime heraus beliebter Vergleich.

„Das was Israel mit den Palästinensern macht ist dasselbe was die Nazis mit den Juden gemacht haben“ oder „Apartheitsstaat“ oder die Titulierung von „Völkermord“. Das sind keine Auswüchse islamischen Fundamentalismus, das ist der normale Gesprächsstoff am Essenstisch eines durchschnittlichen deutschen Haushaltes. Hier wird sich niemand als Antisemit fühlen. Fakt ist aber, dass es der Antisemitismus ist, der in diesen Aussagen unterschlagen wird. Die Bedrohung Israels durch Akteure, die den Judenstaat vernichten wollen. Die Reaktion Israels auf diese faktische Bedrohung, aktuell demonstriert durch die immer noch von der Hamas abschießenden Raketen, wird umgekehrt zu einem Angriff auf Unschuldige. Eine Täter-Opfer-Umkehr, die auf eine lange antisemitische Tradition zurück blicken kann.

Ist Israel daher ein Unschuldslamm? Keineswegs. Israel hat im Kontext ihrer Siedlungspolitik z.B. den Hass durchaus selbst geschürt ohne eine Notwendigkeit der Selbstverteidigung nachzugehen. Und auch ein Teil der militärischen Operationen Israels sind sicherlich in ihrer Verhältnismäßigkeit zu kritisieren. Nur waren diese militärischen Operationen eben Antworten, keine Angriffe. So ist eben die israelische Bevölkerung auch verängstigt, was zu ihrer Radikalisierung führt, welche eben die Hardliner in die Regierungsverantwortung hebt. Nur diese Angst mache ich nicht den Palästinenser zum Vorwurf, die bedroht in Gaza leben und daraufhin mit Hamas sympathisieren und das kann man genauso wenig gegenüber der israelischen Bevölkerung machen (Zumindest nicht aus der nicht-kriegerischen, privilegierten Situation in Deutschland, was die israelische Linke macht, ist ihr gutes Recht und auch notwendig um einen Diskurs zu schaffen, dass eben Hardliner es schwerer haben in die Regierungsverantwortung zu kommen).

Es geht aber oft in Deutschland nicht soweit, dass die Kritik an Israel ausdifferenziert wird und zuvor in einen Rahmen gesetzt wurde, der Notwendigkeiten und realpolitische Situationen beleuchtet. Ist dann einseitige Israelkritik einfach nur inkompetent? Vielleicht. Doch ist die Vehemenz und das Bedürfnis diese Kritik in die Öffentlichkeit zu tragen oder es zumindest dort zu aufzunehmen durchaus ausgeprägt. In meiner Wahrnehmung ausgeprägter als gegenüber jedem anderen Land oder Akteur (mit Ausnahme USA vielleicht). Eine Erklärung ist dann, dass man ja von Israel als demokratischen Staat mehr erwarte, besonneneres Handeln verlange.

Das ist interessant, da hat sich also jemand Gedanken gemacht. Die Sonderrolle Israels als demokratischer Staat wird dann betont. Dann ist es aber merkwürdig, dass die Sondersituation der Bedrohung trotzdem außen vor gelassen wird. Die Angst der Bevölkerung, die Agenden der Terrororganisationen, die Vernichtungswillen von aktuellen und ehemaligen Staatsoberhäuptern wie Khomeini, Khamenei oder Saddam Hussein.

Das Thema mag Komplex sein, aber wenn man sich eine Meinung bildet, dann kommt man in diesem Kontext nicht an Antisemitismus vorbei. Am deutlichsten wird dies wenn es in Diskussionen mit Vertretern dieser einseitigen Israelkritik um das Existenzrecht Israels geht. Hier ist dann nämlich teilweise zu hören, dass dieses Land den Palästinensern geklaut worden wäre. Weniger essentiell beziehen sich diese Aussagen dann auf den Sechs-Tage-Krieg, wo Israel präventiv einen Militärschlag ausübte und eben u.a. Gaza besetzte. Nun 2005 wurde Gaza verlassen, dies sogar unter einem der m.M.n. klar zu kritisierenden Hardliner Ariel Scharon. Das wird dann nicht erwähnt.

Weitaus essentieller wird es dann, wenn es um die Entstehungsgeschichte geht, wo ein fiktives Palästina beraubt worden wäre. Ohne Frage lebten in diesem Gebiet Palästinenser, aber ein Palästina gab es deswegen noch nicht und wenn man eben weiter in die Geschichte zurückgeht, lebten dort eben Juden. Die Christen werden wissen wovon ich rede, da haben sie ihren Erlöser ermordet (wobei ich den christlich begründeten Antisemitismus dann doch mal außen vor lasse). Der entscheidende Punkt zur Gründung Israels war doch dann aber, dass nach der Shoah die Augen nicht mehr vor dem Antisemitismus verschlossen werden konnten. Es musste ein Schutzraum für Juden geschaffen werden und zwar ein von Juden definierter, damit sie eben nicht mehr der Gnade von Nicht-Juden ausgesetzt waren.

Was sind aber die Reaktionen, wenn man die Notwendigkeit des Judenstaates ausgehend vom Holocaust gegenüber dieser einseitigen Israelkritik betont? Dann kommt gerne, dass man sich heutzutage ja nicht mehr für die Verbrechen seiner Großeltern rechtfertigen brauche. Nein, das ist auch nicht nötig, wenn die Lehren aus dieser Zeit angekommen wären und diese sind eben, dass Antisemitismus nicht nur ein Nazi-Problem war, sondern ein gesamtgesellschaftliches und in der Causa Israel gilt diese antisemitische Bedrohung natürlich nach wie vor. So ist es eben einzig die militärische Überlegenheit und die Unterstützung der USA, die einen nächsten Holocaust durch die Israel umgebenden Feinde verhindern.

So sieht ein großer Teil von Israelkritik in Deutschland aus. Das ist die gesellschaftliche Atmosphäre in welcher gerade wieder offene Judenfeindlichkeit keimt und anfängt zu gedeihen. Es gibt kein Klima der Ablehnung, es wirkt ein Klima des Tabus, welches bekämpft wird, welches unverstanden ist, wenn man mal Israel kritisieren wolle, nicht mal das darf man, dieses offensichtliche Menschenunrecht kritisieren. Die Dimension des eigenen immer noch mindestens unterbewusst prägenden Antisemitismus wird nicht angenommen, nicht thematisiert, nur das Tabu ist es, was aufrecht erhalten werden soll und das machen „die Muslime“ gerade kaputt.

Daher sollte eben nicht so getan werden, dass es viele Muslime, ein paar Linke und ausgegrenzte Rechte wären, die allein für ein antisemitisches Klima sorgen. Es muss akzeptiert und reflektiert werden, dass der Antisemitismus nach wie vor eine gesamtgesellschaftliche Dimension umfasst, die es gilt in seiner Gänze aufzulösen um Menschen jüdischen Glaubens wieder ein normales Leben in Deutschland zu ermöglichen. Es wird nicht helfen einzig die Muslime an den Pranger zu stellen, auch wenn dieses Ausmaß in keinster Weise weiter geduldet werden darf.

Die (aktuelle) Wahrnehmung Israels

Man wird ja wohl nochmal sagen dürfen…

Es ist unbegreiflich tragisch, dass dieser Konflikt wieder eskaliert. Die Opfer gibt es vor allem auf palästinensischer Seite, aber das hat leider einen Grund.

Die Hamas. Allzuoft wird in der aktuellen Berichterstattung ausgelassen oder erst später erwähnt, dass es die Hamas war die den Raketenbeschuss begann. In den deutschen Leitmedien hingegen lässt sich oft eine Überschrift lesen, die suggeriert, dass Israel der agierende Akteur sei. Manchmal kommt es sogar so an, als wäre Israel der Aggressor. Hier ein Blogartikel, der sich der sprachlichen Ausrichtung der Schlagzeilen in den deutschen Medien mal angenommen hat.

Weiter unten in den Kommentarspalten dieser Artikel findet sich dann z.T. eine Fortsetzung, vielleicht sogar eine Radikalisierung der Einseitigkeit. Israel ist unmenschlicher Täter, die Palästinenser ohne Ausnahme Opfer des aggressiv agierenden Staates. Wenn auf die Hamas hingewiesen wird, wird Siedlungspolitik und historische Gewachsenes herangezogen um zu zeigen, dass Israel stets der Aggressor war, Palästina sich nur in einem Überlebenskampf zu Wehr setze.

Der Antisemitismus die Positionierung zum Existenzrechts Israels von Organisationen wie Hamas, aber auch weitere Akteure wie Hisbholla, der frühere Irak, die Aussagen Khomeini’s und Khameini’s stellvertretend für den Iran, Jordanien oder auch Ägypten unter Nasser, die Israel seit seiner Gründung bedrohen wird nicht berücksichtigt. Gern wird dieses erdrückende Bedrohungsszenario sogar geleugnet. Der Holocaust ist Vergangenheit, womit Israel sogar ungerechte Politik betreibe, es gibt welche, die sogar von Erpressung reden. Antisemitismus wäre überwunden, Israel kein Schutzraum für Juden, sondern ein aggressiv expandierendes Staatengebilde, welches permanent gegen Menschenrechte verstoßen würde.

Dass Israel oft genug von Hardlinern regiert wurde und in diesem Kontext z.B. in puncto Siedlungspolitik den Konflikt auch ihrerseits verschärft haben oder vielleicht auch die Verhältnismäßigkeit der militärischen Antwort nicht immer gewahrt war (Einheit 101 unter Scharon als frühes Beispiel), will ich nicht bestreiten und wäre genauso undifferenziert es zu leugnen. Doch warum kommen immer wieder die „harten Hunde“ in die Regierungsverantwortung? Natürlich auf Grundlage einer verängstigten Bevölkerung, die sich der Bedrohung etwas bewusster ist, als die in Deutschland oder sonstwo sitzenden Onlinekommentatoren, die leicht reden haben, wenn sie eigentlich fordern, dass Beschuss von der Hamas unbeantwortet bleiben muss.

Dass die Hamas hier ihr eigenes Süppchen kocht und der neueste Beschuss nicht nur eine emotionale Reaktion auf den Mord an einem palästinensischen Jugendlichen ist, läßt sich daran erkennen, wie hier im Alleingang die Gunst der Stunde, die Gunst der Emotion genutzt wird. Und zwar nicht nur um ein „Statement“ gegenüber Israel zu tätigen, sondern vielleicht sogar vielmehr die eigene Machtposition gegenüber der Fatah zu stärken. Wenn die militärischen Stellungen der Hamas aus einer Position ziviler Umgebung abfeuern, dann tragen sie eine Verantwortung, wenn der Beschuss selbiger zivile Opfer verursacht. Diese Opfer, dieses Leid ist etwas was der Hamas darüber hinaus sehr gut nutzt. Natürlich radikalisieren sich weitere Palästinenser, wenn sie Angehörige, Freunde oder auch „nur“ Besitz durch israelische Bomben verlieren. Wer will es ihnen verdenken? Ich privilegierter weißer Europäer mit Sicherheit nicht.

Die Hamas stärken diese israelischen Bomben aber. Natürlich werden sie auch geschwächt, wenn sie Führungskader und militärisches Material verlieren, aber die Stimmung kippt zu deren Seite. Das Nachsehen hat die Fatah, das Nachsehen haben die Chancen eines Friedensprozesses. Ist dies Grund genug für Israel militärisch einfach nicht auf die Attaken der Hamas zu reagieren? Wahrscheinlich nicht. Sie haben eine Pflicht zum Schutz ihrer Bevölkerung, sich untätig mit Raketen beschießen zu lassen, würde dieser nicht nachkommen. Und es gibt letztlich auch auf israelische Seite die Machtsicherungskomponente. Netanjahu könnte dies gar nicht tun, da letztlich höchst wahrscheinlich unter der Zustimmung der Bevölkerung Hardliner wie z.B Lieberman das Ruder übernehmen würden. Wer will es der israelischen Bevölkerung verdenken, die aktuell nicht nur in Tel-Aviv dem Raketenbeschuss der Hamas ausgesetzt ist, in der Vergangenheit wahrscheinlich oft genug Angst hatte den Bus zu besteigen, da die Bilder des letzten Selbstmordattentates noch frisch genug waren? Ich abermals sicher nicht.

Dass aber deutsche Medien in einen Tenor einschwenken, der zumindest das Potenzial besitzt die Art von Israelkritik zu bestärken, die im Verdacht steht antisemitisch motiviert zu sein, finde ich äußerst bedenklich und die Früchte dessen finden sich bereits wenige Zentimeter weiter unten. Wer will es ihnen verdenken sich eine Meinung zu bilden und daraufhin Israel an den Pranger zu stellen? In diesem Fall tue ich das. Denn sich im „friedlichen“ Europa an die Tastatur zu setzen und eine Anklageschrift nach der nächsten in die Tasten zu hauen, ist eben nicht nur geschmacklos, es scheint oft antisemitisch, wenn es kein wichtigeres Thema gibt (zu anderen Thema wird sich weitaus weniger engagiert) als Israels vermeintliches Unrechtsregime und dabei die besondere Situation Israels, der Judenstaat in mitten von Antisemitismus zu sein, dabei kategorisch ausgespart wird.

Die Zukunft der FDP

Ich las gerade einen Artikel, der die These eines ähnlichen Wählermilieus von FDP und Grüne aufnahm und implizit die Frage nach der Zukunft auch in Hinblick auf die Konkurrenz durch die AfD stellte. Interessant ist in diesem Zusammenhang dann die Frage, wie sich die FDP für die Zukunft ausrichten will? Liberal ist ja nicht gleich Liberal.

So orientierte sich die Partei in diesem Millennium vor allem unter Guido Westerwelle an wirtschaftsliberaler Programmatik und war somit der Steigbügelhalter des Neoliberalismus indem Staatseingriffe gemieden werden sollten, wie der Teufel das Weihwasser. Was Deregulierung aber für Folge hatte, sollten eigentlich alle seit der Immobilienkrise der USA und folgend der Finanzkrise wissen.

Die FDP wurde in ihrem wirtschaftsliberalen Gusto 2009 erneut in den Bundestag gewählt und bildete letztlich sogar die Regierung mit der CDU. Ob nun der Lernprozess innerhalb der Wählerschaft während der letzten Legislaturperiode einsetzte und sich das Bewusstsein schärfte, welche Art der Wirtschaftspolitik eine Grundlage der Krise sein könnte oder ob die chaotische Personalpolitik in der Regierungskoalition der FDP die Überzeugung gekostet hat, bleibt Spekulation.

Das sich in der FDP nun etwas ändern muss, ist weniger Spekulation. So schien sich Lindner bereits früh ins Abseits und damit in Stellung zu bringen um den Scherbenhaufen, den Westerwelle und Rösler hinterließen neu ordnen zu können. Wie sieht diese neue Ordnung, wie sieht das neue Profil der FDP denn aber jetzt aus?

Die AfD gilt es zu fürchten, wenn man unverhohlen den Kurs neoliberaler Engstirnigkeit fortsetzt. Das soll dabei gar nicht heißen, dass diese Wirtschaftspolitik ihr Ende gefunden habe. Die Bankenregulierung nach wie vor mehr Schein als Sein und die Freiheit des Marktes weiter als kapitalistisches Kredo. Nur hat sich die Stimmung gewandelt. Sie mag zwar nicht anti-kapitalistisch geworden sein, aber das Vertrauen in klar identifizierbare Wirtschaftsakteure wie Banken ist erheblich gesunken und die Finanzkrise hat zudem eine Existenzangst erzeugt, die in Teilen zu einer Entsolidarisierung mit den ärmeren Teilen Europas geführt hat. Hier setzte die AfD an mit ihrer anti-euro Programmatik; in diesem emotionalisierten Szenario bekam und bekommt sie ihren Kompentenzzuspruch mehr als alle anderen Wirtschaftsentwicklung prognostizieren zu können.

Will die FDP damit konkurrieren? Kann die FDP damit konkurrieren? Wirtschaftskompetenz ist sicherlich weiterhin ein Ressort, welches neben der CDU (und eben der AfD) auch der FDP geglaubt werden könnte, doch während die CDU in dieser Hinsicht nicht hinterfragt wird und mit ihrem Kurs der merkelschen Positionslosigkeit unangreifbar ihren Kurs hält, bräuchte dieser Weg für die FDP ein neues Element, was eben nicht bereits durch die AfD besetzt ist. Populismus kann es daher nicht sein, wie er einst unter Möllemann in die Partei getragen wurde und Westerwelle diesen, im Mantel eben dieser Wirtschaftskompetenz, dann salonfähig machte.

Die FDP hat ihre Liberalität aber nicht immer ökonomisch begriffen. Liberalismus als Ideologie der Freiheit und Bürgerrechte, der Kern europäischer Aufklärung. Ein „Label“ welches sich in der Politiklandschaft verdient machen könnte. So ist es doch auf der einen Seite der Rechtspopulismus in der Anhängerschaft der AfD, der die Aufklärung als nationale Errungenschaft ab jedes Inhaltes nicht hoch genug halten kann und dann ist auf der anderen Seite ja noch der verkümmerte sozialliberale Flügel um Leutheusser-Schnarrenberger, der einen „Mut zur Freiheit“ postulieren könnte, der Staatsversagen einmal nicht wirtschaftlich definiert, sondern politisch-moralisch.

Hier kommt eine andere gescheiterte scheinende Partei in den Sinn; die Piraten. Deren digitaler Freiheitsbegriff sollte in Zeiten von NSA letztlich nicht völlig an Substanz eingebüßt haben. Wenn sich nun eine FDP, die nicht derartige innere Konstitutionsprobleme bewältigen muss, dieser Ungerechtigkeit, dieser Unfreiheit annehmen würde, könnte die FDP eine Lücke finden, die weder von der AfD, noch von den Grünen besetzt ist.*

Jetzt mag die FDP befürchten damit nicht mehr ihre Stammwählerschaft bedienen zu können, doch diese liebe FDP, ist euch schon längst davon gelaufen. Und einen Vorteil hat die neue FDP, sie hat keine wirklichen personellen Altlasten mehr, die eine neue Identifikation grundsätzlich verhindern würden.

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*und angenommen die Piraten erholen sich nicht von ihren Rückschlägen.

Alles beim Alten

Am 05. Juli 2009, also vor fast 5 Jahren hatten im Rahmen des Schanzenviertels die Eutiner BFE das Jolly Rogers angegriffen und dabei einem Journalisten die Vorderzähne ausgeschlagen. Es hieß damals, dass sogar der Funkkontakt zu diesem Zeitpunkt unterbrochen gewesen war und zudem war das Jolly in keinster Weise an irgendwelcher Gewalt vom Schanzenfest beteiligt (Es fand dort eine private Geburtstagsparty statt). Es gab damals ein weiteres Gerücht. So war einige Zeit zuvor beim Fussballspiel FC St. Pauli gegen Hansa Rostock ein Polizeibeamter genau dieser Einheit verletzt worden. Die Maßnahme, wie man es wohl bei der Polizei nennt, erschien damals einigen als eine nicht zufällige Racheaktion.

Was es mindestens war, ist eine juristische Unverhältnismäßigkeit sondergleichen, denn worin hier der Zweck der Maßnahme begründet gewesen war ist schon unklar, aber zur Verfolgung dessen hätte es wohl mit Sicherheit ein milderes Mittel gegeben, als einen kleinen Raum mit Pfefferspray zu fluten und danach noch Menschen im Gesicht zu attackieren.

Diese Meinung ist dann wohl exklusiv, vielleicht sogar linksextrem, denn einmal mehr wird offensichtliches Fehlverhalten von (Elite-)Polizeibeamten am Ende sogar von der Justiz beschützt, denn diese sprach die Polizei straf- und zivilrechtlich frei. Aber in Hamburg sind wir das ja gewohnt, hier werden ja auch sog. Gefahrenzonen errichtet, die nochmal welcher Verhältnismäßigkeit nachgekommen sind? Naja Hauptsache man stellt sich gegenüber dem Rest der Welt als Krone des demokratischen Schaffens dar.

Appeasement und Emotionen

Appeasement ist sicherlich eine Charakterisierung die man der EU im Konflikt mit der Ukraine oder präziser Russland zuschreiben muss. Während Putin insbesondere zu Beginn wenig Anstrengung darauf verbrachte die militärische Intervention auf der Krim zu verheimlichen, war es die EU die diesem aggressiv-offensiven Vorgehen Russlands zumindest in ihrer endgültigen Handlung besonnen und nicht-militärisch gegenüber trat.

So waren zwar die ein oder andere Forderung sowie die Rhetorik im Fahrwasser des eskalierenden Konfliktes, doch bis auf das Aufzeigen von Bereitschaft hat sich die EU nicht ernsthaft auf einen militärischen Konflikt eingelassen. Angesichts des völkerrechtswidrigen Vorgehens der Russischen Föderation ist dies sicherlich als Appeasement Politik einzuordnen.

Denn Fakt ist, dass der „Kalte Krieg“ als ein Konflikt der Systeme und Rahmen einer bipolaren Weltordnung vorbei ist. Dies könnte dann der Hintergrund für Frank Walter Steinmeiers Emotionen sein, die zu seiner Wutrede, als Reaktion auf den Vorwurf Kriegstreiber zu sein, führte.

Wer nun heutzutage die Autoren dieses Protestes waren bleibt für mich in diesem Video schwer zu identifizieren. So ist auch der dann von Steinmeier formulierte Gegenvorwurf offen in seinem Adressat. Er warf den Protestierenden vor im Kontext der Finanzkrise den Austritt aus dem Euro gefordert zu haben, der seiner Ansicht zu einem Kollaps in Europa geführt hätte. Damit könnte er dann sowohl die AfD als auch Die LINKE gemeint haben. Das sein Vorwurf gegenüber Links zu kurz kommen würde, da hier die Forderung kapitalistische Mechanismen zu überdenken und u.a. in Form von Bankenregulierungen von Steinmeier ignoriert werden würde. Doch angesichts der aktuellen Zusammensetzungen der Proteste zum Ukraine – Konflikt kann die Kritik eben auch gegenüber rechtspopulistischen Inhalten gemeint gewesen sein.

An dieser Stelle muss einmal gesagt werden, dass Steinmeier und Co in dieser Krisenzeit natürlich enorm unter Druck stehen, damit teile ich weder ihre Rhetorik gegenüber der Ost-Ukraine und Russland noch die Ignoranz gegenüber der fragwürdigen Konstellation der westukrainischen Übergangsregierung. Doch wie die EU sich in diesem Konflikt verhalten soll, auch bzw. insbesondere mit den nun bereits gemachten Fehlern, ist sicherlich keine einfache Aufgabe.

Russland spielt mit der EU insofern, dass Putin genau weiß, dass die EU eine militärische Auseinandersetzung als letzte oder gar keine Option sieht. Denn auch Russland kann sich einen militärischen Konflikt mit NATO und EU definitiv nicht leisten, nur spielt Putin mit anderen Karten. So ist die russische Taktik zu Beginn des Konflikts mit der Abspaltung der Krim aufgegangen. Wie sehr die europäischen und US-Amerikanischen Sanktionen Russland wirklich treffen angesichts der russisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen, die für beide Seiten wichtig sind, ist schwer festzumachen. Während Russland verlautbaren lässt, dass dies kein ernsthaftes Problem darstelle, wertet die US-Amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s den russischen Staat auf BBB- und damit kurz vor eine Kreditunwürdigkeit.

Sollten diese wirtschaftlichen Sanktionen Russland derart stark belasten, muss man von einem probaten Mittel sprechen Russland in diesem Szenario die Stirn bieten zu können. Letztlich stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Alternative zu dieser Krisenpolitik gibt?

Wenn man das militärische Szenario als Planspiel weiter spinnt, dass also die NATO Truppen in die Ukraine entsendet und mindestens in der Krim auf russische Soldaten trifft, scheint unvorstellbar. Es würde das Fragezeichen geben, was tut Russland im Falle toter russischer Soldaten durch westliches Militär?

In der Logik vergangener Zeiten müsste Russland den Konflikt ausweiten, Horrorszenarien eines sich anbahnenden 3. Weltkrieges könnten die Folge sein. Doch könnte sich Russland dies nur in einer Konstellation leisten: China müsste auf der Seite Russlands stehen!

Dies scheint allerdings wenig realistisch. So könnte China sicherlich seinerseits eine sanktionierende Wirtschaftspolitik fahren. Ausländische Unternehmen aus Europa und den USA sind in China angekommen, die chinesische Wirtschaft ohne Frage ein Global Player geworden, nur sind die positiven wirtschaftlichen Entwicklungen Chinas erheblich ins Stocken geraten und daher ist es wohl kaum im chinesischen Sinne ein Teil des Konfliktes zu werden.

Daher kann man eigentlich fast davon ausgehen, dass China im Hintergrund auf Russland einwirkt, die Eskalation zu beenden. Auch Russland selber kann nicht an einer Fortsetzung der Eskalationsspirale interessiert sein. So sind die neuesten Kooperationen zwischen Russland und China sicherlich auch im Zeitpunkt kein Zufall und sind ein Indikator für einen Orientierungswechsel Russlands hin zu Asien, wie es mit der SCO bereits vorbereitet war.

Eine Unbekannte bleibt das Ego Wladimir Putins. Putin, der als Nachfolger Boris Jelzins alles andere als in die zuvor in Europa beliebten Fußtapfen treten konnte. So hinterließ Jelzin Putin einen handlungsunfähigen Staat, den Putin u.a. mit autoritären Instrumenten wiederherstellte. Dabei muss man dennoch sagen, dass diese Art der Politik von breiten Teilen der Bevölkerung getragen wurde.

Dieser neue russische Weg traf aber im westlichen Ausland auf Kritik. Putin musste sich immer wieder dafür rechtfertigen und betonte im Gegenzug ein Nicht-Einmischungsgebot gegenüber dem Westen. So konnte er zu Zeiten von durchaus positiven Entwicklungstendenzen eine „Männerfreundschaft“ mit dem damaligen Kanzler Schröder knüpfen die Russland dann ausgehen vom Irakkrieg-Nein an der Seite von Deutschland und Frankreich als Größe in den Internationalen Beziehungen zurück brachte. Schröders Amtserbin Merkel setzte den Kurs ihres Vorgängers allerdings einzig auf der wirtschaftlichen Ebene fort, während sie in der diplomatischen Dimension kaum eine Gelegenheit ausließ, die Demokratisierung bzw. Putin selbst zu kritisieren.

Nun verdichteten sich die negativen Aspekte in der russischen Innenpolitik auch immer mehr, doch Merkel fuhr ihre, zur Wirtschaftspolitik ambivalente, Diplomatie von Anfang an. So wirkte Putin beim G8-Gipfel 2007 persönlich angegriffen als er den Vorwurf Merkels hinsichtlich des Umganges mit Kasparov mit der Kritik konterte, dass sie erstmal vor der eigenen Haustür kehren sollte in Anbetracht des Umganges mit den Protestierenden in Heiligendamm. Kasparov allerdings war ähnlich der Persona Nawalny sicherlich auch nicht der lupenreinen Demokratie zuzuordnen.

Betrachtet man darüber hinaus Putins Verhalten zu Beginn der Krise, wo er bzgl. der Krim in einer Sekunde zugab Truppen geschickt zu haben um es eine Sekunde später zu dementieren und in diesem Kontext einem parlamentarischen Beschluss zuvor kam, scheint es, dass Putins Agenda durchaus auch durch sein eigenes Ego angetrieben sein könnte.

Das offensive Verhalten Russlands mit der Option auf Krieg, wenn die EU sich gegen alle Wahrscheinlichkeiten nicht entsprechend einer Appeasement Politik verhalten würde, bedeutete ohne Frage ein Risiko für die Stabilität der russischen Wirtschaft. Innenpolitisch hingegen wirkt diese Art der Außenpolitik geradezu stabilisierend. So hat Putin nach dem größten Gegenspruch seit seiner Übernahme des Präsidentenamtes Ende 2011 folgend die Bevölkerung wieder mehr hinter sich stehend. Die Krisenpolitik könnte daher einmal mehr in der Geschichte der Funktion des klassischen Bismarckschen Sozialimperialismus nachkommen und Putins Sattel fester schnüren.

Hinzu kommt, dass Russland, sicher auch Putins Ego entgegen kommend, dem Westen auf diese Weise öffentlich zeigen konnte auf Kollisionskurs mit den Osterweiterungen des Westens zu gehen. Die Frage bleibt, inwiefern Putins Ego auf zukünftige Entscheidungen eine irrationale Wirkung haben könnte. Ein solches Szenario mit geradezu unmöglich erscheinenden Konsequenzen wird die westlichen Akteure der Krise sicherlich an ihr Limit bringen, da auch sie sich im Klaren sind auf der einen Seite Appeasement verpflichtet zu sein, auf der anderen Seite ausloten müssen wie weit darf man den „russischen Bären“ reizen. Hätte der Westen von Anfang an einen differenzierteren Kurs gegenüber den Geschehnissen in Kiew verfolgt, wäre die Stimmung weitaus weniger aufgeheizt, da die subjektiv erscheinende Parteilichkeit in diesem Konflikt seitens der EU die Grundlage gefehlt hätte.

Der Montag im Zwiespalt zwischen Hass und Frieden

Es ist Montag. Traditionell ein Tag an dem in Deutschland gegen staatliches Unrecht demonstriert wird. Die Auflehnung gegen die SED Herrschaft in der DDR oder der Protest sozialer Ungerechtigkeit im Kontext der Hartz-Arbeitsmarkt-Reformen, der Montag gehört der Zivilgesellschaft.

Seit neuestem gehören zu dieser Zivilgesellschaft allerdings auch zweifelhafte Protestbekundungen oder vielmehr zweifelhafte Hintergründe. Der Rechtspopulismus hat die Montagsdemos entdeckt. Wie sein hässlicher Bruder, der Neofaschismus, versuchen auch die Rechtspopulisten sich innerhalb der Protestlandschaft anzupassen. Was die Autonomen Nationalisten sich optisch wie oberflächlich inhaltlich (Globalisierung, soziale Gerechtigkeit u.ä.)bei dem Black Block entlehnt haben, versuchen Rechtspopulisten nun primär bei der Friedensbewegung.

Im Kontext des Ukraine-Konflikts hat rechtspopulistisches Gedankengut nach den Kommentarspalten der Online-Zeitungen einen Anknüpfungspunkt für den Hass auf die Moderne gefunden. Im Mantel von Verteidigung russischer Politik werden DDR 2.0, EUdssR oder die NATO aufs Korn genommen. Dabei nutzen sie einmal mehr, dass Potential was Staat und Medien durch eigene Fehler überhaupt erst generieren.

Die Berichterstattung und auch die konkrete Politik (des Westens) machen im Entstehen klare Fronten von Gut und Böse auf. Der Maidan ist dabei stets eine Speerspitze legitimen Aufbegehrens gegen undemokratische Illegitimität. Die Rolle von Neofaschisten innerhalb der Proteste, aber auch der daraus entstandenen Übergangsregierung wird weitestgehend ignoriert. Das Ziel ist klar der Russe. Putin selbst ist daran nicht gerade unschuldig. Sein militärisches Vorgehen und Forcierung von Subversion auf der Krim provoziert den Westen und nimmt im Rahmen von eiskalt kalkulierter Macht- und Interessenspolitik keine Rücksicht auf Konsequenzen für die Ukraine.

Sein Argument zur Notwendigkeit dieser Handlungen verweist immer wieder auf die illegitime und neofaschistisch konstituierte Übergangsregierung. Das dieses Argument Bestand hat bezweifelt dann letztlich nur der Westen anhand ihrer Ignoranz und daraus resultierenden uneingeschränkten Unterstützung der gesamten Übergangsregierung. Der Höhepunkt, der in Genf die Entwaffnung aller Parteien vorgesehen hatte, ergibt sich in einer erneuten Einseitigkeit gegenüber ausschließlich prorussischen Akteuren. Wer prowestlich ist, kann dann auch einen antisemitischen, neofaschistischen, menschenfeindlichen Hintergrund haben, das Übel sitzt im Osten der Ukraine und unterstützt die Wendung zu Russland.

Aber nun zurück zum eigentlichen Thema den Rechtspopulisten am Montag. Man fragt sich ja nun, was Rechtspopulisten dazu bringt, sich mit der tendenziell hippieesken Friedensbewegung einzulassen. Nur schaut man sich die Konstellationen wer dort im Fokus der Kritik steht und wen es zu verteidigen gilt an, fällt auf, dass dies keineswegs so abwegig ist, wie es zunächst wirkt.

Unterstützt wird Wladimir Putin. Er ist sicherlich kein autoritärer Souverän, wie ihn Teile der Presse versuchen ohne notwendige Substanz zu verklären, aber sicherlich ist er im Gegenzug kein Vorbild für irgendeine Form von Positiven. Wladimir Putin mag weder Opposition, noch Zivilgesellschaft, welche er nicht initiiert hat. Wladimir Putin hält Homosexualität für eine Gefährdung des russischen Volkskörpers und selbstverständlich unnatürlich. Putin wird von einem ausgeprägten Nationalstolz getrieben und zeigte Oligarchen (mit z.T. jüdischer Abstammung) ihre Grenzen auf.
Angeprangert hingegen werden die EU, die USA, die Bundesregierung oder die Medien. An dieser Stelle wird es allerdings unübersichtlich, da sich hier legitime Kritik (Gabriele Krone-Schmalz) und rechter Populismus (Jürgen Elsässer) die Klinke in die Hand drücken. So wird gegenüber den Medien wieder formuliert, dass sie den Bürger mundtot machen wollen. Die Bundesregierung provoziere Putin bereits seit so langer Zeit, dass dieser irgendwann reagieren hätte müssen.

Wo legitime Kritik bemerkt, dass westliche Politik Russland durchaus immer wieder in diesem Millennium aufgezeigt hat, welche Grenzen ökonomisch (primär die USA) und (geo-)politisch nicht zu überschreiten habe, versuchen gewisse Teile der kritischen Landschaft Putin legitime Handlungen zu unterstellen. Das gibt die Sachlage aber keineswegs her. Putin hat auf der Krim Völkerrechtsbruch begangen. Das ist nicht legitim. Es wird auch nicht richtiger, wenn dem Westen im Laufe der letzten 15 Jahre ähnliche Völkerrechtsbrüche vorzuwerfen sind. Zumal Russland sich im Vergleich am wenigsten auf dem Terrain einer humanistischen Intervention befunden hat, auch wenn ohne Frage russische Minderheiten in der Ukraine von Swoboda und dem Rechten Sektor ins Visier genommen wurden.

Einmal mehr versucht der Rechtspopulismus seinen Anschluss dort zu finden, wo Kritik nicht von der Hand zu weisen ist. Ist es lange Zeit der Islam gewesen, in welchem Kontext rechtspopulistische Akteure versuchen ihre Ablehnung gegenüber muslimischen Menschen als Religionskritik zu tarnen, scheint sich nun ein neues Feld aufgemacht zu haben; ein Ost-West Konflikt. Es reicht einmal mehr, wenn die Akteure aus Sicht der Rechtspopulisten stimmen. Wie sich im Rahmen von Islamophobie bei Broder bedient wird, weil er es auf die „richtigen“ Leute abgesehen hat, wird nun die Kritik an westlichem Verhalten und einseitiger Berichterstattung genutzt um sich Luft zu machen.

Da passt es eben hervorragend, dass Putin im Grunde genommen ein Vorbild für die meisten Rechtspopulisten sein müsste. Wie oben bereits beschrieben ist die harte Hand von Putin keineswegs bedenklich für diejenigen, welche im Kontext der Überhöhung ihrer eigenen Kultur gar nicht laut genug „Aufklärung“ brüllen können. Denn geht es um Familie, Nationalstolz, sexuelle Ausrichtung, Umgang mit Muslimen (Tschetschenien) und wahrscheinlich auch der (Selbst-)Wahrnehmung von Männlichkeit zeigen sich die Parallelen von Wladimir Putin und den Gastkommentaren auf PI-News.

Es ist schade, dass in der Wahrnehmung westlicher Journalisten nicht erst seit Gestern eine vorgefertigte Meinung über Russland schwer über Bord geworfen werden kann. War es in den Neunziger Jahren Jelzins „unbeirrter Weg in die Demokratie“, der unkritisch gefeiert wurde, da nun alles besser sein müsse als die Sowjetunion. So blieben die Bedeutungslosigkeit der Duma, die Regierungshandlung über präsidiale Notverordnung oder die Abhängigkeit von außerparlamentarischen Kräften zu Gunsten der Darstellung erfolgreicher russischer Demokratisierung weitestgehend unerwähnt.

Die Kontinuität dieser journalistischen Leistungen hat nun mit dazu beigetragen, dass der Rechtspopulismus ein neues Feld für seinen Hass auf System und Moderne identifizieren konnte. Wäre der Kurs der Bundesregierung und deren Partner im Ukraine-Konflikt von Anfang an kritisch hinterfragt worden, anstatt sich weiterhin der Diabolisierung eines ohne Zweifel inhumanen Machtmenschen hinzugeben und somit einem differenziertem journalistischem Auftrag nachzukommen, wäre das Anknüpfungspotential für den Rechtspopulismus vielleicht auf einem Minimum verblieben. Nun scheint dem ganzen Tür und Tor geöffnet.