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Immer noch ein bischen Hertha

Und mitten drin steht sie, die Alte Dame aus Berlin. Einsam fröstelnd, knietief im Morast und mutlos nach Halt suchend im bitterkalten, pechschwarzen BuLiwinter. Niemand und Nichts sind mehr da. Sie ist wahrlich, wie sie selbst feststellt: JWD. Janz weit draussen. Auch wenn sie nicht gänzlich allein frieren muss, so haben ihre nächsten Leidensgenossen doch zumindest ab und an Zeit für ein wenig Rast, um mal zu verschnaufen und in das selten durchsickernde Tageslicht zu blicken. Das fördert das Wohlsein und schafft Seligkeit.
Der Alten Dame bleibt dieses Privileg verwehrt: Mit beiden kraftlosen, knochigen Händen um letzte Strohhalme geklammert, sieht sie nur das spärlich schimmernde Licht der roten Laterne.

Ihren Stolz hat sie abgelegt, wie einen alten Mantel, der nicht mehr (zu ihr) passt. Ihre noch im Sommer höchst gegenwärtige, jugendlich-frische Lust, ihre Verliebtheit (auch in sich selbst), verlor sich in der Wirklichkeit des gnadenlos darwinistischen Kampfes um GELD.MACHT.SCHWEIZER KÄSE. Ein langes, berauschendes Sommerfest und nun ein fürchterlich hilfloser und ungelenker Tanz auf dem Eis.
Eine alte Dame, ohne Mantel und mit gesenktem Haupt steht immer noch am Rande des winterlich gefrorenen Sees, der Kristallarena, während die anderen fort gleiten, rutschen, schliddern oder robben. Alle irgendwie in Bewegung, um ans andere, rettende Ufer zu gelangen. Bis zum Frühjahr müssen sie es geschafft haben. Dann setzt der Tau ein und die Scheiße, durch die es dann nunmehr sinnlos und gedemütigt, mit letzten Zügen zu schwimmen gilt, kommt zum Vorschein.

Nein, all das ist der Alten Dame nicht würdig. Viele betrachten ihre missliche Lage mit Häme, Spott und Hässlichkeit. Sie haben, so behaupten sie, die alte Hertha noch nie gemocht und ihr familiärer Anhang bestünde vor allem aus faschistischen Arschlöchern. Arrogant sei sie im Sommer herumstolziert, sich selbst feiernd und dies unangemessen laut und nicht besonders damenhaft.

Mag alles stimmen.

Und doch verspreche ich dir, du altes, kränkelndes Weib, dass ich bei dir bleibe, auch in Zeiten der Cholera.
Ich ertrage deinen Violeta-Mief, ich halte dein armseliges Unterkleid hoch, der letzte Rest der dein schlotterndes Gerippe zu bedecken sucht, damit es nicht weiter beschmutzt und besudelt wird und – um das größte, fetteste und schwerste Opferlamm, das ich für dich zum Altar trage zu zu ächzen – ich schaue dich weiterhin an.

Ich werde nicht behaupten, dass ich dich liebe, denn das tue ich, habe ich nie getan.
Ich werde auch nicht behaupten, dass du schön, attraktiv und mondän wärst, wie es uns dein langjähriger, unanständig unvermögender Patenonkel so lang glauben machen wollte.
Du kannst hässlich sein und schwach und alt.
Das Schicksal, das verfluchte, schöne Berlin, die Heimat, hat mir deine Hand einst gegeben. Ich werde sie nicht los lassen, mögest du noch so sehr stinken, verblühen und veröden.
Ich werde sie drücken.
Immer ein bischen hertha.